Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![stellen der Frauen Ringlein und Bogen für die Pusteln gesetzt hat, aber den Versuch des Augsburger Zeichners, auf der Leiche des Jünglings eine gewisse Naturtreue durch die unregelmässige Verteilung des Ausschlages und das gelegentliche Zusammenfliessen der Pusteln zu erzielen, völlig ausser acht Hess. Ein zweites Bild, das Druck a) bis d) an ver¬ schiedenen Stellen [a), c) und e) auf der Titelrück¬ seite, b) auf Blatt br zu Anfang des zweiten Kapitels] bringen, zeigt den Gestirnsstand am Tage der Er¬ schaffung der Welt zur Einführung des Lesers in die astrologischen Anschauungen und Lehren. Wir haben also in dem graphischen Beiwerk dieser Büchlein G rü n pecks,genau wie bei S e b a s tian Brants Eulogium, den doppelten Ursprung der Be¬ trachtungsweise der „neuen“ Krankheit in jener Zeit, den der seuchenartigen Gottesgeissei (Plage) und der gestirngebornen Epidemie offen zutage liegen. Und im Texte der Büchlein? Da findet sich dieselbe Amalgamierung, wenn auch die astrologische Lehre stärker durchschlägt. Schon in der Widmung an den Rat der Stadt Augsburg heisst es von „etlich plagen, kranckheyten und widerwärtigkeyten, domit die menschen von einfluss des gestyrns der obern weit und regionen yetz der zeyt auss verhengnuss des allmächtigen Regierers gestraffet werden“ in schöner Einträchtigkeit beider Aetiologien der „erschrockenlich müsam und peynlich kranckeyt, so unser Teütsche und müterliche spräche mit erlaubnuss das Böss Franzos oder Wylden wärtzen bestymmet“. Trotzdem er also die „bösen Platern“ des Gotteslästerer-Edikts als deutsche Bezeichnung nicht akzeptiert, (vielleicht weil er sie nicht kannte und in Italien, wo er 1495 sich befand, ihm nur der lateinische Wortlaut des „Edictum in blasphemos“ mit seinem „Malum Fran- cicum“ bekannt geworden war) knüpft er an den Inhalt des betreffenden Passus dieses Ediktes dennoch unverkennbar an in der Vorrede, wo er von der „Angst und Not“ spricht, „mit der der allmächtige Gott alle Augenblicke strafen tut, von gross plagen und straffen, die über das menschlich geschlächt verhängt sind, werden von der Sünde wegen, Gross Pestilentz, Blutvergiessen und hunger. Aber sy sind fürwar nit zu vergleichen mit den die gegenwärtig zeyt . . erfüllet ist. Wann die grausam Pestilentz, dess- gleychen der greülich hunger . . . selten über fünff jar aussbeleyben . . . über die straffen all ist ein unerhörte, ungesehne, unbekannte allen tödlichen menschen, Ein erschrockenliche, stinckende, pfynnige [finnige] und unleydenliche Kranckheyt aufferstanden, domitt die menschen hertigklich geschlagen werden, der geleychen auff erden nye kommen ist. Auch kein mensch ist erfunden worden, der diser kranckeyt oder plagen Ursprung auch ursach gesagt hat,1) allein es sey ein straff von gott . . . Aber wie wol man nichtz darvon vindet in den büchern der ärtzt ge- schriben, dann ettlich meinen es sei Mentagora, ettlich es sey Planta noctis, ettlich nennen sie *) Sollte Grünpeck das Gedicht des Ulsenius nicht kennen? Das ist völlig unwahrscheinlich; nach Zeitsitte verschweigt er den Konkurrenten, der ihm zuvorgekommen ist. Scorram. Die alle haben jr ursach und underscheyd von einander und fast fremd sind von dem gebrechen, daran die menschen yetz lygen, das ein yegklicher mercken mag, der ein auffsehen hat auf die selben leyden der menschen, die also gepeyniget werden, das auch der siechtagen mer von got ein plag den menschen zügesenndet wirt gesehen, denn das er auss der natur solt körnen. Desshalb, als ich gelaub, ein verborgen ursach diser kranckeyt mag erzelet werden, die auss dem einfluss der Stern kommet .... will auch darneben nit verschweygen, das diser gebrechen komme auss dem götlichen willen, zu einer straffe der mennschen von der sünde wegen“. Grünpeck geht dann ganz im allgemeinen auf die astrale Ursache der Seuchen ein, sodann auf die grossen Konjunktionen des Saturn, Jupiter und Mars seit der Erschaffung der Welt, um schliesslich beim vorliegenden Falle zu landen: „ . . . fynde ich nach den tabeln Alfonsi1) eine grosse Conjunction unnd züsamenfügung der zweyer planeten Saturni unnd des Jupiter, die ist erschynen jmm .1.4. 8. 4. jar, an dem 25. tag des Novembers 6 stund und 4 Minut nach mittag, als das zeychen, das man nennet den Krebss, ist auffgestygen über den teyl des hymels, der uns anschawet, und die zusamenfügung ist ge¬ schehen in dem drey und zweyntzigisten grad, in der 43. Minut des zeychens Scorpionis, das do ist ein Hawss Martis, des unsäligen planeten, darinnen er sein frayheyt hat. Und nach diser rechnung der böss Saturnus in der erhöhung seines zyrckels gegen mitnacht hat underdruckt den gütigen Jupiter, und Mars ist ein herre der züsamenfügung, ist auch in seinem küniglichen hawss und erhöhung, darum züeignet er jm alle schicklicheyt diser Conjunction der zweyer planeten Saturni und des Jupiter . . . über die all ist kommen dise grausame unerhörte und ungesehne kranckeyt des böss Franzos. Das auch dise vorgemeldte Coniunction hat hieher ge¬ fügt von den Frantzosen in Wälhische land, darnach in Teütsche, das also geschieht, wann es ist erfunnden worden, das Jupiter herschett über Franckreych ... leychter sy vallen in sölliche kranckeyt . . .“ Saturn und Mars brauen nun in den 4 Säften die Krankheits¬ materie zusammen, wie ausführlich dargelegt wird. Dise materien arbeytt die natur ausszetreyben und schlecht sy hynab zu der schäme. Wann das zeychen Scorpionis in dem die Coniunction geschehen ist, hat gewalt über die schäme“ — man sieht die Ge¬ schlechtspest ist fertig, zunächst der Initialaffekt—„aber sy kan nit volkommenlich dadurch hynweggetrieben werden, darumb schiacht sich dye selbig an andern enden auss“ [das Exanthem über den ganzen Körper erscheint.] „Darnach ist dise kranckheyt geflogen zu den walhen [Italienern] und hyeher in teütschlannd, wann teütsch lannd ist unterworffen dem planeten Marti. Kumbt nun hyn in Engellannd und andersswo hyn, wölche dem Saturno sind undergeworffen.“ — Alles wird astrologisch geregelt auf „Vogel friss oder stirb“!- *) Alphons X. von Kastilien Hess neue astronomische Tafeln berechnen, die 1252 vollendet wurden.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0027.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


