Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![Da Empirici venuti di Ponente, Come di sopra ho fatto querimonia. Perchfc occultando quel versutamente, Sanan gli egroti dal mal non letale, 120 Defraudando la ciecha e vulgär gente. E benche in tutto quel non sia exiziale Ma contagioso, pur si vuol guardare Da tal’infermi, e spaventoso male. E far che stiano in casa e da manzare i2s Non avendo del suo gli sia provisto, Finchk sanati el possan queritare. Se il Summaripa errore avesse immisto Si nel malor, come in la medicina, Priego il Ruico subito revisto 130 Degni emendarlo cum la sua dottrina. Vale physicorum decus Et amicorum optime. [Bl. aj:] Lepidissimum hunc libellum lucubratum brumali mense anno salvatoris MCCCCXCVI. solertissimus artis impressoriae prothomagister Christoforus Cremonensis Bottus quam emendatissime faciundum curavit in alma Venetiarum civitate Ducante Augustino Barbadico principe serenissimo. Annuente virgine diva. Eine faulige Krankheit hat das perfide Gallien über Italien gebracht, genannt mal Franzoso, die den ganzen Körper kriechend durchzieht im ansteckenden niederen Geschlechtsverkehr. Zuerst benagt sie die Genitalorgane und Gelenke, alles ausmergelnd mit Ausnahme der Augen, steckt Frauen und Männer an, aber tötet sie selten; sie quält den Körper mit heftigen Schmerzen und Qualen, dass nachts be¬ sonders die Kranken jammern, bis endlich Salben sie heilen. Hippokrates, Galenos und Celsus sprechen von ihr als Lepra und elephantiastischer Krätze. Einige fassen sie als Vorboten einer künftigen Pest, die Gott verhüten möge. Doch, aus Gestirneinfluss entstanden, ist sie eine natürliche Bösartigkeit und Verderbnis der Säfte, die das gewöhnliche Volk vor allem heimsucht und die besser Situierten weniger gefährdet. Im Jahre des Herrn 1494 kam dies Leiden aus Frankreich, von niemand vollständig (endgültig, a compimento) erkannt. Verletzend Italien und viele andere Völker und Länder, hat sie in Dalmatien und Griechenland gross Staunen erweckt. Die Ärzte ver¬ suchten, sie auf verschiedene Weise zu heilen, da sie sie so schrecklich sahen und von so übler Art, so veränderlich und von Kopf bis zu den Füssen schweifend, selten fieberhaft, aber meist ohne Schlaf, mit ungemessenen Schmerzen in Gelenken, Nerven und Adern, als wollte sie die Seele vom Körper scheiden; wer alle ihre Qualen schildern wollte, dem würde leicht das Schreibmaterial ausgehen, ehe er zu Ende käme. Sie spaltet Lippen, Zunge, Rachen und Brust, krümmt Beine, Arme, Hände und Finger, zwingt juckend zu ständigem Kratzen. Unter Er¬ brechen galligen Schleimes beginnt man endlich zu genesen und gleichsam zum Leben zurückzukehren. So lautet ungefähr die, erstaunliche Erfahrung ver¬ ratende, Schilderung der Syphilis-Symptomatologie, der eine ebenso grosse therapeutische Erfahrung aus der wissenschaftlichen Medizin und den Pfuscher¬ sphären zur Seite steht, vom Aderlass an der linken Basilica und guter Ernährung, vom Erdrauchtrank und Hermodactyli-Pillen bis zu Gurgelungen und Mundpflege und „gelöschtem“ Quecksilber in Butter- Weihrauch-Moschus-Terpentinsalbe usw., welche Empiriker aus dem Westen nach Italien (Ausonia) gebracht haben; sorglich ihre Mittel geheim haltend, heilen sie das Volk von dem nichttötlichen Leiden. Doch wenn es auch nicht tötlich ist, so ist es doch ansteckend, darum muss man sich fernhalten von den damit Infizierten und diese selber absperren und ihnen ihre Nahrung zukommen lassen, bis sie ge¬ nesen sich wieder welche suchen können. Krankheits¬ schilderung, Behandlungsanweisung, Verhütungs- und Absperrungsmassregeln von gleicher Frühreife, Be¬ obachtungssicherheit und zielgewisser Nüchternheit — in Versen eines Laien in der Vulgärsprache I Der Veroneser Patrizier verdient unseren vollen Respekt, wenn wir auch in heutigem Sinne von „Satyrischem“ in seiner „Enarratio“ nichts zu finden vermögen, als dass er den gesunden Menschenverstand braucht, wo andere in den Sternensphären herumirrlichtelieren! Ihm ist wohl schon Satire in seinem Laienverstand, dass er nur einmal mit den zwei Worten „sidereo influxo“, die so hochernsten und hochwichtigen phan¬ tastischen Lieblingsmeinungen seiner Zeit streift. — Und noch in einem vor allem zeigt sich seine wirklichkeitsoffene Nüchternheit und vorurteilsfreie Tatsächlichkeit, in der immer wieder betonten rela¬ tiven Ungefährlichkeit des Leidens! „benche rari ne occida“ heisst es schon zu Anfang (Vers 13/14) und zu Ende zweimal: Sanan gli egroti dal mal non letale (Vers 119) und ferner benche in tutto quel non sia exiciale Ma contagioso, pur si vol guardare Da taf infermi . . (Vers 121 f.) Das widerspricht allerdings schnurstracks der allgemein für diese Gottesstrafe behaupteten hoch¬ gradigen Tödlichkeit und ist darum um so mehr der Beachtung wert. Ja es wirkt allerdings auch auf uns wie das Satyrspiel nach dem hohen tragischen Kothurn der von anderen Vorstellungen hypnotisierten Chronisten und astrologischen Ärzte, die eine schwere fast sicher tötliche Epidemie haben mussten, um der Zuchtrute des erzürnten Gottes und um der sakro¬ sankten Sternenlehre willen! — Sommariva findet dazu, dass auch die fremden Quacksalber das derart grossgezogene Volksgrauen zum Vorteil ihrer Fran¬ zosenkuren (wie man später in Deutschland sagte) ausnützen, das scharfe Wort „Defraudando la cieca e volgare gente“! Wir aber erinnern uns einer anderen Stimme, die zu gleicher Zeit oder kurz nachher, gleichfalls aus gebildeten, nicht voreingenommenen Laienkreisen heraus, derselben Ansicht zu Worte verhilft, einer niederdeutschen, die sich also vernehmen lässt: De cura infirmitatis dictae malefranzosa. Planta surrexit noctis: medici quam sic vocabant, Nomen eius Ipocras divina mente revolvit, Averois pariter, phisicus perdoctus uterque.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0031.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


