Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![Ein reicheres Kunstwerk ist das Gebet zum heiligen Dionysius, das als Regensburger Flug¬ blatt gilt, aber vermutlich gleichfalls in Nürnberg gedruckt wurde, wo Typen gleich denen seiner Legende im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in den Offizinen eines Stuchs, Höltzel und Hochfeder •c-O Verwendung fanden. Ich neige zu der Vermutung, dass dies Blatt (Tafel XX) im Jahre 1496 in die Presse kam. Rechts der heilige Dionysius, im Bischofs¬ ornate mit dem Krummstab, hält, der Legende gemäss, sein Haupt auf dem Buche, ihm gegenüber : zur Linken die gekrönte Madonna, gezeichnet nach Martin Schongauer, auf dem Arm das Kind, dem sie einen Apfel hinhält, das Szepter in der Rechten. Zu beider Füssen knieen Mann und Weib mit blatternbedecktem Antlitz und Händen. Im Hintergründe eine ragende Stadt mit Mauern und Türmen. Das zu sprechende, heilbringende Gebet lautet: O Allerheyligister vater und grossmechtiger not- helfer Dyonisi, ein erczbischoff und löblicher martrer. O du himelischer lerer, der von franckreich apostel und teutzscher landt gewaltiger regierer. Wehuet [Behüte 1] mich vor der erschrecklichen kranc- heit mala franzos genant, von welcher du eine grosse schar des christenlichen volks in franckreich erleledigt [!] hast, zo dy kosten das wasser des lebendigen prunnen der vnder deinem aller heiligisten korper entsprang. Wehuet mich vor diser gemerlichen [jämmerlichen] kranckheit. O aller genedigister vater Dyonisi, biss ich mein sundt, mit dem ich got meinen herrenn belaidigt hab, pussen mug [büssen möge] und nach dysem leben erlangen dy freud der ewigen saligkeit, das verleich mir cristus iesus, der dich in dem aller vinstersten kercker verschlossen tröstlichen haym gesuechet, und mit seinem aller heiligisten leichnam und pluet dich speiset, sprach: dy lieb und gutti- kait dy du hast zu mir alleczeit, darumb wer wirt bitten, der wirt gewert, welcher sey gebenedeit in ewigkait, Amen. Während das St. Minus-Blatt Hamers für die früher nicht beobachtete Krankheit sich den helfenden Heiligen in der Gegend suchte, wo sie zuerst be¬ kannt geworden, nimmt das zweite Blatt den Retter aus dem Lande, nach dem die Krankheit ihren Namen trug, aus Frankreich im allgemeinen; der französische Landesheilige St. Denis muss seine Hilfe den Er¬ krankten spenden. Auch ein drittes Blatt, das seinen Ursprung in der Druckerei des Johann Winterburg in Wien gefunden, blickt nach Frankreich hinüber, ein Gebet „Für die platern Malafrantzosa“ (Tafel XXI) mit dem Bilde des nackten von Schwären bedeckten Hiob auf dem Miste, den der Teufel geisselt, während zwei Männer mit Flötenspiel ihn verspotten (im Hintergründe sein stattliches Haus). Die Hiobskrank¬ heit wollte man ja in der Syphilis wiedergefunden haben und „malattia di santo Giobbe“ „sijnt Jobs suicht“ und dergleichen hatte man sie in Italien und Deutschland zu nennen begonnen. Auch unser Blatt, das parallel dem Sankt Minusblatte aus einem Gebete und einer belehrenden Legende besteht, spricht von der „Plage, die man nennt die Blattern Jobs“ und schmückt schon bedenklich aus. Das Gebet soll gefunden sein in einem zerstörten Kloster in Frankreich, Maliers genannt, was immerhin die Annahme eines grösseren Alters der Krankheit in Frankreich voraussetzt, sonst aber reines Phantasie¬ gebilde ist. Me plotern ITCalafrantsofa. (©) f)etr fyymels t>n || ber erben 6er 6u 6en gebulbtgii tob || burcf; perfyeng* || nu§ liefeft flauen || Durcfy 6en peint || 6es menfcfyen mit 6en fjaftigii || platern So bie fain menfcfy nie || getpattn mit fo gtoffer leng. Der || gliöer pö fuefj pi§ auf 6ie fd)at* || tln perlest tuarö. Solidje plag || tptberumb pö 3m auf gemahn. || Durdj [fe]in gtofe gebult erman | i<^ bid? fcfj[e]pffer fyymels pnb ber erben bes fribs mit Hoe. j| Der perfyeiffung Ufoafye Des 3uramen^s nad? otbnung || XHeldjifebedj Der erfyebung Simonis: ben bu allen bes al= || ten Heftamentts gelaift fjaft. Das bu yenen bey ben ^eiligen || ttamen gefcfytpoten l?aft ain emigfait. £)eb auff biffe plag ber || platern IHalafrancsofa genant. Unb lafj mid? armen funber |j barmtt nit permafeln. (Bebend ber fyailigen perfonung mit || Hoe 3tpiffen bein unb bem menfcfyen bie ftntflu^ nymer 3uge= || ftatten. (Bebend Hbrafyams pittung gegen Soboma pnnb || (Bemotra pnb erlofs mid? pot folicfyer gemerlicfyer grufam* || lidjer plag. Durdj bife ^eilige er* manuttg pnb pn3uerbiucfy* || enlid?e parmfjer(ngfait beljuet pnb befdjterm mid? pnter || beim fdjierm pot ben fdjladjenbn engein bifer plag. Der bu || pift got ber Hattet pnb ber Sun pnb mit bem ^eiligen (Seift || fyerfd^eft pon melt 31t rnelt. Urnen. Dii? gepet ift guet pnb bernert für bie platern CTiala* fran^ofa || genant Unb ift nemlid? gefunben tpotben 3n einem 3uerftoz= || ten Klofter in ^randreid? IHaliers genant 3n einer fteinein || feyll Des batü geftanben ift .ciiij. iar. Do man nannt bife plag || bie platern 3°k- tDer bi^ (Bepet bey ym tregt: ober petet ber || ift fielet poz ben platern. Es hat aber dies Hiobsgebet, das vielleicht doch auch in die Jahre 1496 oder 1497 zu setzen ist, jeden¬ falls der nämlichen geistigen Strömungseinen Ursprung verdankt wie die andern beiden religiösen Flugblätter, ganz zweifellos Eindruck gemacht und Bedeutung und Verbreitung erlangt, vielleicht sogar schon eine kurze handschriftliche Vorgeschichte besessen. Denn völlig unabhängig von dem Inkunabeldrucke aus Wien hat sich ein niederdeutscher Zettel aus dem Ende des 15. Jahrhunderts erhalten, der in anderer An¬ ordnung und nicht selten besser als der Inkunabel¬ druck das nämliche Gebet und die gleiche Legende bringt, auf ein schmales Blättlein sauber zusammen¬ geschrieben (Tafel XXII), das man bequem bei sich tragen konnte, um vor Lues bewahrt zu bleiben. Id is to weten, dat dit bet gud is vor de mala francosa unde is gevunden in eynem olden tostotten closter in Franckrike in eyner steynen sule, Maliers genant, dat het gestan twehundert jar unde ver jar na Cristus bort un do het me disse crancheit genant de bledderen sunte Job. we dit bet bi sik drecht edder alle dage spricket mit rechter andacht, de is seker vor den bladderen genant Jobs bledderen edder mala frantzosa.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0035.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


