Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![Ein Nachwort. Der allgemein kulturgeschichtliche Wert der vorliegenden Sammlung ist zweifellos grösser als der speziell medizinisch-historische. Aber auf einen krankheitsgeschichtlich äusserst wichtigen Punkt muss ich hier doch kurz noch zusammenfassend eingehen. Was findet sich in diesen graphischen und typo¬ graphischen Erstlingen Beachtenswertes über die Her¬ kunft der Syphilis gesagt? Die Zierde des elsässischen Humanismus, Jakob Wimpheling berichtet, dass sich die „Insubres“, das sind die Lombarden mit der alten Hauptstadt Mediolanum, Mailand, zu seinen Zeiten, also 1495/96, beklagten, wie die Gallier die Krankheit ihnen ins Land gebracht hätten, nicht neu zwar wie das Volk wähne, sondern „superioribusannis tarn Visum quam aegerrime perpessum“. U1 se n i u s begnügte sich völlig mit der Himmels¬ influenz und sagt vom irdischen Gange der Epidemie kein Wort. Sebastian Brant, der weitläufige Jurist, teilt mit, dass Frankreich („Francia“) die pestbringende Krank¬ heit zu den Ligurern gebracht habe („in Ligures transvexit“) und dass diese sich dann von den See¬ alpen aus („ab Alpibus extra“) nach Latium und das übrige Italien verbreitet habe („Latium atque Italos invexit“). Häufig käme die Krankheit in Frankreich und Spanien vor („frequens Gallis vel Iberis“). Das wäre nun alles recht gut und schön, wenn nicht hinter der letzten Angabe der Pferdefuss der astro¬ logischen Bedingtheit gar zu sichtbar hervorlugte, was von den Ligurern weniger gilt, auch aus dem Zusammenhang dort nicht sich ergibt. Die Riviera mit dem aus andern Quellen erschlossenen Rapallo tritt also hier fassbar in die Erscheinung, ohne dass man allzugrossen Wert darauf legen kann. Brants Kommentator, Grünpeck, bezeichnet die Gallier als die zuerst Betroffenen — Gestirns¬ lokalisation! — aber er scheint doch ein irdisches Weiterkriechen der Krankheit mit den Worten „repsit non solum per Latium, sed serpsit quoque per Ger- maniam, Sarmaciam, Bohemiam, Thraciam, Britanni- am“, anzudeuten, wobei bemerkt werden muss, dass das Bild des unauffälligen Weiterkriechens der Krankheit, das viele Berichterstatter der ersten Jahre der literarischen Erwähnung der Syphilis brauchen, nicht zu einer raschen, auffälligen „epidemieartigen“ Weiterverbreitung passt. Im neunten Kapitel drückt sich Grünpeck wieder ganz astral aus „haec con- iunctio de Gallis in Germanos transvexit“, ebenso im deutschen Texte Kapitel 7: „Darnach ist dise kranck- heyt geflogen zu den Walhen und hyeher in Teütschland“. Die „Ligurer“ seines Meisters Brant legt er etwas absonderlich in der Übersetzung fest „die Lygures, innwoner des wällhischen landes zwyschen dem Parten byrg und des flusses Phadt [Padus, Po]“; das wäre also bestimmt die Lombardei wie bei Wimpheling. Auch die Notizen des Marcellus Cumanus scheinen dorthin zu weisen, die er in sein Exemplar der Chirurgie Peters von Argelata eintrug — ich habe es vergeblich in Florenz wieder aufzufinden versucht, muss mich also mit der Joh. Ulrich Rümler’schen Wiedergabe in Georg Hieronymus Welsch’s Sylloge Curationum et Observationum Medicinalium Centuriae VI, Augsburg 1668 4° be¬ gnügen, die allerdings keine Art von Nachprüfung zulässt, — wenigstens die eine hier in Betracht kommende S. 30 IV, in welcher er berichtet, dass er 1495 in Italien, als er sich mit den Truppen der Venetianer, bei denen er als Militärarzt angestellt war, in das Lager bei Novara begeben hatte: „Domi¬ norum Mediolanensium plures armigeri et pedestres, ex ebullitione humorum me vidisse attestor pati plures pustulas in facie et per totum corpus et incipientes communiter sub praeputio vel extra praeputium . . .“ Das scheint darauf hinzudeuten, dass das mailändische Kontingent des Heeres der heiligen Liga eher von der Syphilis ergriffen war als das venetianische. „Ex uno influxu coelesti“ berichtet auch dieser Marcellus aus Cumae, dessen Beobachtungen man so gern in den Anfangjuni verschieben möchte, während der Herzog von Orleans sich erst Mitte Juni1) der Stadt bemächtigte und das Venetianer Kontingent erst in der zweiten Julihälfte nach der Schlacht am Taro (bei Fornuovo, 6. Juli) zum Mailänder Beobachtungs¬ korps stiess. Alessandro Benedetti traf am 22. Juli vor Novara ein, Marcello jedenfalls nicht nennenswert früher; seine Beobachtungen datieren also von Ende Juli, von August und von September 1495. *) „Quarto Jdus Junias“ wurde der Herzog in Novara ein¬ gelassen und eroberte dann mit seinen 500 Reitern und 8000 Fuss- soldaten in wenigen Tagen die Burg der Stadt. Jetzt erst machte Venedig mobil.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0037.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


