Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![Giorgio Sommariva sagt eigentlich nur, dass die Krankheit von den Galliern nach Italien ge¬ schleppt sei und von Westen komme, wie auch ihre geheimnistuerischen kurierenden Salbenpfuscher1). Dass er für Italien einmal „Ausonia“ schreibt, was streng genommen Mittel- und Süditalien bedeutet, wäre das einzige, was nach dem so viel besprochenen Neapel weisen könnte. Es werden aber auch andere mit mir diesen verschwommenen und kaum beabsichtigten Hinweis recht mager finden für die mit den stärksten Posaunen¬ tönen immer wieder verkündete Ursprungsquelle der Syphilisverbreitung in Europa am Fusse des Vesuv. Mit der „Syphilis-Epidemie in Neapel“ im Mai 1495 ist es mir bisher überhaupt höchst eigentümlich, geradezu traumhaft-fatamorganatisch ergangen: Wenn ich ihr zu Leibe zu rücken versuchte, verschwand sie in unfassbare Ferne. Ich wollte zu den Originalberichten hinunter¬ steigen, um den geschilderten Krankheitssymptomen kritisch in’s Gesicht zu leuchten und fand zunächst — überhaupt nichts! — Marin Sanudo (Ma¬ rino Sanuto), der als erstes Biennium seiner hoch¬ wichtigen Diarien, die jetzt von 1496 ab in 58 Klein¬ foliobänden gedruckt vorliegen,2) eine ausführliche Chronik des Zuges Karl’s VIII. 1494 und 1495 ge¬ schrieben hat,3) widmet dem Aufenthalte Karls und seines Heeres in Neapel eine sehr ausführliche und die Ereignisse fast jeden einzelnen Tages registrierende Schilderung4), wobei er auch recht nebensächliche Dinge wie beispielsweise die galanten Affären des wenig schönen Königs eingehend berichtet, aber von irgend einer Art von Krankheit oder gar Epidemie unter den Eindringlingen kein Wort sagt. Irgend Auffallendes auf dem Gebiete der Geschlechtskrank¬ heiten ist mithin nicht zu seiner Kenntnis gekommen. ') Die von Sommariva zuerst erwähnten „spanischen Em¬ piriker“, „Empirici nell’Occidente“, „Ex occidente empirici“ sind gewiss eine interessante Begleiterscheinung der ersten Syphilis¬ jahre; sie sind aber vielleicht zu rationalistisch-spezialistisch aufgefasst worden, wie denn auch die solide Historik unter solchen historischen Konstruktionen auf Einzelrechnung und -Gefahr nur allzu oft leidet. Der alte Gegensatz der spanisch- jüdisch-arabischen Ärzte („medici di origine spagnola“) zu der antik-frühsalernitanischen Tradition, im 13. und 14. Jahrhundert besonders in Toskana, hatte durch die vor allem von Petrarca eingeleitete und zu Ende des 15. Jahrhunderts schon recht mächtig gewordene antik-humanistische Richtung neue Impulse empfangen und muss hierbei ernsthaft in’s Auge gefasst werden. Dass sich in 1 Vs bis 2 Jahren angeblicher Syphilisverbreitung in Spanien seit April 1483 solch ein neues Spezialistentum aus dem Nichts entwickelt haben sollte, ist gegen alle kulturgeschicht¬ liche Wahrscheinlichkeit; da wären die „Empirici ab occidente“ noch weit verständlicher, wenn man ihre Herausbildung aus der langsam in Chirurgenkreisen emporwachsenden Erkenntnis von der Spezifizität der Lues herleiten würde, in welche die italienischen Syphilisrezepte des Codex Hafniensis aus der Mitte des 15. Jahrhunderts hineinzuleuchten scheinen. 2) Seit 1879 in Venedig herausgegeben. *) Vergl. „La Spedizione di Carlo VIII. in Italia racontata da Marin Sanudo e publicata per cura di Rinaldo Fulin“ Venezia 1873 (Archivio Veneto anno terzo), 677 klein gedruckte Seiten gr. 8°. 4) S. 230 bis 356 des Druckes. Dasselbe Resultat ergab mir die Durchsicht des früher für die Chronik des Marino Sanuto ge¬ haltenen „Chronicon Venetum Anonymi coaevi, scrip¬ tum ab Anno MCCCCXCIV usque ad Annum MD“, das man jetzt als den ersten Teil der Diarien des Girolamo Priuli identifiziert hat. Es steht unter dem Titel „De Bello Gallico“ im XXIV. Bande der „Rerum Italicarum soriptores“ des Muratori, Spalte 5 bis 166 und sagt gleichfalls bei der Berichterstattung über den Aufenthalt Karl’s VIII. in Neapel 1495 keine Silbe über die angeblich dort ausgebrochene Ge¬ schlechtspest, sondern kommt erst im Jahre 1499 auf diese Krankheit. Ein venetianischer Admiral hatte bei Korfu eine Flotte zusammengezogen, grossenteils aus Schiffen von Hilfsvölkern bestehend, deren Mannschaft er „malissimo, condizionate“ findet ,,e male all’ ordine, e massime di Mal Franzese, la quäl malattia crudele venne per tutto il Mondo in tale contagione dalla venuta del Re di Francia in Italia, che per tutto si chiamava Mal Francese. Et b per quanto posso giudicare la malattia di Santo Giobbe, la quäle contagione fu per tutto P universo Mondo e da quella pochissimi anzi niuno guarivane e stentava“. Man sieht, das ist kein Originalbericht mehr, das ist schon halb fable convenue. Von Neapel jeden¬ falls kein Wort. Dasselbe gilt auch von unseren gedruckten Quellen aus den Jahren 1495 und 1496, wie der Leser gesehen hat. Auch die Aldine brillantesten Druckes, die sicher noch in diesem Jahr 1496 die Presse verliess, die „DIARIA DE BELLO CAROLINO“, die der Veroneser Arzt Alexander Paeantius Benedictus verfasst hat zum Ruhme Venedigs, durch dessen Eingreifen die Franzosen unter beauf¬ tragter Führung des Mantuaner Markgrafen Giov. Francesco Gonzaga, des Gatten der genialen Isabella von Este, aus dem Lande gejagt worden seien — „Italiae clades subita Venetorum ultra Alpes propulsa est“ verkündigt er im Nachwort vom 27. August 1496 aus der Lagunenstadt „Venetiis M. IIII D. Sexto Cal. Septembres“ und schon in der Widmung vom 21. März 1496 heisst es, durch den Dogen sei „rabies gallica perdomita“ — auch diese typographische Glanzleistung, würdig der blühenden Latinität des Autors, habe ich umsonst um Auskunft durchmustert1). Auch dieser Arzt, der sich als der beste Kenner der Syphilis im ersten Menschenalter nach ihrem Be¬ kanntwerden bewiesen hat, auch er sagt kein Sterbens¬ wörtchen über den angeblichen Ausbruch der Lust¬ seuche in Neapel. Mit den knappen Worten „Neapolim sine praelio subigit [Carolus Gallorum rex]“ wird die berühmte Belagerung in der Einleitung zunächst abgetan. — Bei der folgenden Schilderung des Zuges ') Schade, dass somit keine Veranlassung vorliegt, aus diesem Prachtdruck (in 68 Bll. klein 4°) hier ein paar Seiten faksimilieren zu lassen: denn auch die Himmelsvorzeichen „Saturno oeconomo marte adverso sole horoscopo“ des Jahres MVIID [1493] Bl. äs1- geben dem Verfasser keinen Anlass, auf die „neue“ Krankheit anzuspielen. (Das Werkchen ist bekanntlich als „De rebus a Carolo VIII. Galliae rege in Italia gestis, libri duo“ in Georg Eccards „Corpus historiarum medii Aevi, Lipsiae 1723“ Sp. 1578—1638 wieder abgedruckt.)](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0038.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


