Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![nach Neapel heisst es zwar bei dem Aufenthalte des Heeres Karls in Kampanien, dass die Lage desselben eine zeitlang prekär gewesen, „nam annonae caritas, deinde fames protinus in Gallicis castris secuta est et equis pro pabulos vitium sarmenta erant“ (Bl. biv), die nur durch schnelles Handeln wieder günstig gewendet wurde. Es folgt die Schilderung der un¬ blutigen Besetzung Neapels, die Erwähnung des Todes des türkischen Prinzen Dschem, des Bruders des Sultans „rheumatismo moritur“ (Abdominaltyphus??) und endlich der Exzesse der gallischen Soldateska: „Interea milites per Campaniam, Apuliam, Calabriam. Brutiumque distributis magistratibus securi vagabantur. Domos privatas diripiebant, fana spoliabant, nec a sacris virginibus abstinebat dira libido. Principales foeminae stupra perpessae corporum ludibria defle- bant, itaque nulla in parte cessavit luxuria, ebrie- tasque atque rapinae, quae invisum Gallorum nomen protinus effecerunt“. [Bl. b2v]. Von einer im fran¬ zösischen Heere bei dieser Gelegenheit ausgebrochenen Krankheit spricht der tüchtige Arzt mit keiner Silbe, und er hat doch sonst jede Gelegenheit ergriffen, sich über Medizinisches zu äussern, auch über die Krankheit sein Urteil abgegeben, von der der Franzosen¬ könig direkt nach seinem Einbruch in Italien ergriffen worden war, im September 1494: (Bl. a7v). „Ubi mutato coelo febre acutissima correptus est, pustu- lasque, quas epinyctidas vocant, nostri variolas, extulit ac adepta tandem valitudine, Ticinum venit“ (eine Art Varizellen?). Dass er über die angebliche ent¬ setzliche Epidemie einer neuen Krankheit im fran¬ zösischen Heere in und vor Neapel das Nötige gesagt hätte, ist doch mit zwingender Notwendigkeit an¬ zunehmen — wenn diese Epidemie damals schon erfunden gewesen wäre. Berichtet Benedetto doch sonst bei jeder Ge¬ legenheit vom Gesundheitszustand der eigenen und der feindlichen Truppen, schon von der Versorgung der Verwundeten am Tarofluss („in castra veneta delati a vulnerum medicis curabantur impensa publica“ Bl. d3 v) dann von der Ruhrepidemie im August 1495 im Heere der Belagerer von Novara, namentlich der deutschen Söldner („mutata subito aeris qualitate, frigore ac vapore, lassitudine que pariter defatigati exitialibus morbis peri- clitari coepere, plurimi febribus correpti, dysenteria tenasmoque ex latinis pauci, ex Germanis multi interiere. Vino enim ea gens in febris ardore non abstinet. Qui medici officio usi sunt, nulli prorsus interiere“ Bl. f8 v), von ähnlichen Krankheitsfällen in der belagerten Stadt („in Novara plurimi malo cibo et aquae potu febre ventrisque profluvie laborabant“ Bl. g2 v) selbst vom König, fern in Turin, dass er an „ventris fluxu, quam diariam vocant“ in der Mitte des August gelitten habe. (Bl. g2 v), und von den Ärztekonsilien und Kurpfuscher- Hinzuziehnungen bei der tödlichen Schussverletzung in der rechten Nierengegend bei dem Comes Nicolaus Petilianus. Schliesslich vergisst er auch nicht zu er¬ zählen, wie die Not in Novara aufs höchste gestiegen war, wie Nahrung und Wein zu fehlen begannen und dies „varios vulgaverat morbos, ergo stratae erant viae aegrotis semivivis“. Nirgends also in den wirklich ersten zu befragen¬ den Quellen aus jener Frühzeit auch nur ein Schimmer von der prätendierten fürchterlichen Epidemie von der die späteren Chroniken voll sind.1) Furchtbar hauste der Tod zu Beginn 1496 unter der in Cam- panien und Apulien zurückgelassenen Besatzungs¬ armee, wie Sanuto erzählt. Ich gehe ein andermal darauf ein. Das war aber gewiss keine Syphilis.*) Die einzige Spur eines dokumentarischen Be¬ weises für die Herleitung der Syphilis aus Neapel, die aber noch keine furchtbare Epidemie dort an¬ zunehmen zwingt, wenigstens die einzige die ich bis jetzt zu finden wusste, ist die Bezeichnung der Lues als „Mal de Naples“ in amtlichen Notizen fran¬ zösischer Sprache aus den Jahren 1496 und 1497. Sie findet doch wohl darin ihre Erklärung, dass man den Zug Karls VIII. nach seinem Ziele im Volke benannte und darnach auch das Leiden, dessen Bös¬ artigkeit man auf diesem Zuge kennen gelernt hatte und das das Heer schliesslich fast als das einzig Greifbare in einer stattlichen Zahl von Fällen von dem grossen Eroberungszug mitheimbrachte. Doch das bedarf noch weiterer Untersuchung. Erwähnt werden muss hier schliesslich aber noch der Brief des Messinesen Nicolö Scillae io, der sich 1495 in Barcelona befand und 1496 seine „Opuscula“ zu Pavia erscheinen Hess. Wir haben bei ihm also ein gedrucktes Zeugnis des Jahres 1496, welches die älteste wirklich verwendbare epidemio¬ logische Nachricht über die Syphilis aus ärztlicher Feder uns überliefert und zugleich einen unwider¬ leglichen Beweis dafür erbringt, dass schon im Juni ‘) Anderwärts werde ich die Ergebnisse der Untersuchung der französischen gedruckten Literatur über den Zug nach Neapel veröffentlichen, die in Paris auf meinen Wunsch angestellt wurde: von 1495 bis 1505 spricht keine einzige dieser Chroniken von „Mal de Naples“, das ist später hineinkorrigiert! 2) Von allen Quellenbelegen, die Bloch an der fast ent¬ scheidendsten Stelle seines Werkes, S. 154—160, über den Syphilisausbruch in Neapel vorbringt, bliebe fast nur noch der Bericht des Fallopia ernstlich in Frage. Gabriel Fallopia, gewiss ein ehrwürdiger Name! Und doch wird es einem bei seinem Bericht über die „Syphilisepidemie in Neapel“ nicht recht wohl, wie man ihn auch umdreht und betrachtet. Die erste Drucküberlieferung stammt vom Jahre 1564; doch das möchte noch hingehn! Aber weiter! Bei dem Erscheinen dieses „De morbo gallico über absolutissimus Patavii 1564“ war Fallopia schon zwei Jahre gestorben, und posthume Schriften haben als Beweisstücke immer etwas Missliches. Und wenn man ferner bei gewissenhaften Autoren lesen muss, es sei sehr Vieles dem grossen Manne untergeschoben oder interpoliert (vgl. z. B. nur den neuesten Autor G. Martinotti in den Studi e Memorie per la storia dell’ Universitä di Bologna 1911 Vol. II S. 103), so ist man allerdings zu dem Urteil geneigt: wenn wirklich etwas bei Fallopia interpoliert ist, dann ganz gewiss diese Zusammenschweissung von drei Entstehungs¬ berichten der Syphilis im französischen Heere — zur Auswahl!! Zu guterletzt bleibt noch zu bedenken, dass Fallopia erst 1523, also 28 Jahre nachher, zu Modena geboren wurde. Wie alt mag denn wohl sein Vater gewesen sein, als er die grosse (maxima!) Belagerung Neapels (die gar keine war!) mitmachte (ubi pater meus affuit Bl. 2r)? Gewiss in keinem allzu zu¬ rechnungsfähigen. Mir scheint, die mindestens dreifach gefähr¬ dete Zeugenaussage des grossen Modenesen sollte einmal einer allerpeinlichsten Nachprüfung unterzogen werden. —](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0039.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


