Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln).
- Karl Sudhoff
- Date:
- 1912
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Credit: Graphische and typographische Erstlinge der Syphilisliteratur aus den Jahren 1495 und 1496 : zusammengetragen und ins Licht gestellt / von Karl Sudhoff. (Mit 24 Tafeln). Source: Wellcome Collection.
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![in Neapel die Syphilis in Barcelona bekannt war als ein Leiden, dessen Herkunft man aus Frankreich herleitete. Der Brief ist an einen Arzt gerichtet der nach dem Brauche der Zeit zugleich ein hervorragender „Astronom“, will sagen Astrologe, war. An diesen schreibt Scyllacio „De morbo, qui nuper ex Gallia defluxit in alias nationes“. Nach einer Einleitung über neu auf¬ tretende Krankheiten früherer Zeiten — „siderum portenta“! — berichtet er folgendes: „ . . Narbonensis Provincia, Galliarum Pars, quae olim Brachata erat, Hispaniis finitima, carbunculum primum attulit . . . monstruosa et pestilens Provincia nunc aliud immisit vitium. Pustulae purulentae magni- tudine lupini grassioris in orbem extenduntur. Morbi indicia: in artibus pruritus et dolor tristis, febris accensa vehementius, cutis foedis exasperata crustulis horrorem affert, intumescentibus undique tuberculis, quibus rubor primo lividus, mox subnigricans color cernitur. Post dies aliquot ab ortu admixto sanguine humor exprimitur, capitula spongiolas diceres exhausto liquore, annum morbus non excedit, obducta cuti vestigiis illius sedem indicantibus. Ab obscoenis saepius incipit, moxperuniversumcorpusdiffunditur. Sensere id malum maxime feminae et viri; contactu inficit vicinos. Hispanias nuper invasit innocuas ... in incolas multos incidi ea deprehensos contagie. Me di cos per- cuntanti . . . novam istam luem ex truculenta Gallia affirmarunt defluxisse . . . . a Gallis malum Sancti Menti1 1) vocitari vulgus asserit, quo sanctus olim laborasset in vita .... Tu qui morborum causas nosti, qui minantium syderum veluti e specula vides procellas, remedia nova affer: pestem hanc pro- pellite Italiae populi! Nihil gravius vindicta ista et Barbarorum toxico. Vale Ex Barchinona. 18. Junii 1495“. Fürwahr eine grosse Kenntnis sofort bei dem ersten Bericht! Scillacio weiss schon, dass das Leiden hauptsächlich Erwachsene betrifft, Männer wie Frauen, dass es durch Berührung übertragen wird, dass es von den Geschlechtsteilen seinen Anfang nimmt und über den ganzen Körper sich verbreitet und dass es nicht länger als ein Jahr zu dauern pflegt. Das alles weiss er durch die Ärzte in Barcelona, mit denen der Sizilianer, wie er erzählt viel verkehrt l) Daher der Sanctus Minus des Ham er (s. oben S. 22.) auf einige Jahre zurückblickt. Diese spanischen Kollegen berichteten ihm auch, dass die Krankheit aus dem südwestlichen Frankreich eingeschleppt sei. Sonderbarerweise hat dieser Brief fast 80 Jahre lang als ein Zeugnis für das Vorkommen der Syphilis in Spanien im Jahre 1494 gegolten; Bloch hat erst während des Druckes seines ersten Bandes über den Ursprung der Syphilis gefunden, dass er dem Jahre 1495 angehört; er stützt sich dabei auf Ronchini,1) der allerdings nur diese Jahreszahl hat, ohne sie „festzustellen“, wie Bloch sagt. Das ist auch gar nicht nötig für den, der den Druck von 1496 in der Hand hält und die arabischen Zahlzeichen des 13. bis 15. Jahrhunderts und die ihnen gleichsehenden der Inkunabeldrucke kennt. Leider waren Domenico Thiene und Heinrich Häser bis zu dieser Kenntnis in den historischen Hilfswissenschaften offenbar nicht vorgeschritten, und alle anderen Medizinhistoriker sind ihnen bis zu Bloch gefolgt, der, wie mit manchem andern, so auch hiermit aufgeräumt hat! Scillacio war im März oder April 1495 von Pavia aufgebrochen und von Genua nach Barcelona gesegelt, wo er die Krankheit kennen lernte, die man in Pavia noch nicht beachtet hatte. Doch war freilich seine eigene praktisch-medizinische Erfahrung bei seiner Abfahrt noch recht gering; hatte doch der vielseitig gebildete Mann vor kaum Jahresfrist erst den medizinischen Lorbeer errungen. Trotzdem ist sein Brief, den er in der interessanten kleinen Sammlung von Gelegenheitsschriften, die man sich als seine „Opuscula“ zu bezeichnen gewöhnt hat, [46 Bl. Kleinquart] als Frühdokumente zur Lues¬ epidemiologie von bedeutendem Werte; ich lasse daher Titelseite und Kolophon des am 9. März 1496 aus der Presse gebrachten Werkchens2) (Tafel XXIII) und die beiden Seiten (Bl. 13V und 14V) die den Brief enthalten (Tafel XXIV) in Faksimilierung diesen Syphiliserstlingen anfügen und — schliesse für diesmal meinen Bericht. 1) A. Ronchini, in den Atti e Memorie delle R. Depu- tazioni di storia patria per le provincie Modenesi e Parmensi. Modena 1876, Bd. VIII, S. 185 ff. 2) Ich verdanke das Exemplar der Liebenswürdigkeit des Herrn Direktors der Königl. Landesbibliothek zu Stuttgart.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b3134494x_0040.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


