Die Rohstoffe des Pflanzenreiches : versuch einer technischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches / von Dr. Julius Wiesner.
- Wiesner, Julius, 1838-1916.
- Date:
- 1873
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Credit: Die Rohstoffe des Pflanzenreiches : versuch einer technischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches / von Dr. Julius Wiesner. Source: Wellcome Collection.
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![Ueber die nioiphologis(;lien Verhaltnisse der Bier- und Brannl- weinhele sind wir genau unlei-richtet; die Ahstaininung dieser Uefe- arlen scheint lüngegen noch nicht völlig sicher gestellt zu sein. Nach einer idteren Ansicht, welche eine grosse Verbreitung fand, ist die Bier- und Branntweinhel'e ein selbständiger Organismus [Saccharoinyces cerevisice Meyen), der keine andere Fortpflanzungsweise aufweisen soll, als die in gährenden Flüssigkeiten so leicht zu beobachtende Sprossung (Knospenbildung). In neuerer Zeit ist mehrlach behauptet worden, dass die Alkoholhele als Abkömmling von Schimmelpilzen, namentlich von Penicillium glaucum und Mticor nincedo anzusehen ist, deren Sporen unter deu Bedingungen der Schimmelbildung zu Schimn\elpil- zen, in gahrungsfähigen Flüssigkeiten zu Hefe werden sollen. Man ist sogar so weil gegangen, anzunehmen, dass die Sporen aller jener Pilze, die man Schimmelpilze nennt, zu liefe werden können. Wenn nun wohl auch nicht bestritten werden kann, dass die Sporen von Mucor mucedo die Fähigkeit haben sich in Alkoholhefe umzuwandeln, so ist es doch im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass alleü das, was man Alkoholhefe nennt, dieser Abstanunung ist. Dass Ilefezellen auch aus andern Schinunelpilzen hervorgehen können, ist durch neuere Unter- suchungen höchst unwahrscheinlich geworden. In neuerer Zeit ist von Roess behauptet worden, dass die Hefe ein eigenartiger Organismus ist, welcher ausser der Forl])flanzung durch Knospung noch einer an- deren Vermehrungsweise unterworfen ist, nämlich auf feuchten Substra- ten (gekochte Kartoll'el, Möhren u. s. w.) in seinem Innern durch tVeie Zellbildung einige neue Zellen bildet, welche in zuckerhaltigen Flüssigkeiten durch Sprossimg zu gewöhnlicher Hefe werden sollen i). Hiernach würde der Alkoholgährungspilz zu den Ascornycelen zu stellen sein. Die Ueberführung der Bierhefe in die Ascusform soll keine Schwie- rigkeiten machen. Hingegen gelang esReess nicht, in dem in einer Art Weinmosthefe vorkommenden Saccharomyces apiculatus Reess in die genannte Fruclilicationsform umzuwandeln. Meine Versuche mit frischer Presshefe haben insofern kein l)efriedigendes Resultat ergeben, als sich neben der Ausbildung von Schimmelpilzen unter Hunderten von Hefezel- len eine fand, w^elche in der That Tochterzellen in der für die Bier- hefe von Reess beschriebenen Weise bildete. Sollte die Brannlwein- hefe von der Bierhefe specifisch verschieden sein? Wie man sieht ist die Frage der Abstanmmng der liefe noch nicht gelöst 2). 1) Reess, Botanische Unleisuchiingen über die Aikoliolgälirungspilze. Leip- zig 1870. 2) Hall ier's Behauptung, Hefe gehe aus seinem «Micrococcos« hervor, wurde mehrseits gründlich widerlegt. Als ich den von H. bchaupleten Zusammenhang](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21463189_0834.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


