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Credit: Leitfaden der Psychiatrie : für Studirende der Medicin / von E. Mendel. Source: Wellcome Collection.
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![Centren) spricht die Thatsache, dass der pcripherLsche Apparat (Blinde, Taube) völlig zerstört sein kann, Hallucinationen aber sich entwickeln oder fortbestehen, dass ferner der Nerv bei peripherischer Reizung nur mit einer seiner specifischen Energie entsprechenden Erscheinung (Opticus: Licht- blitz, Acusticus: Brausen, Knallen), nicht mit zusammengesetzten Sinnes- bildern antwortet; der Entstehung aus der Vorstellung widerspricht das Vorkommen einseitiger Hallucinationen, ebenso das Auftreten derselben mit einem Inhalt, welcher dem ganzen Denken fremd ist, wie dies besonders im Beginn einzelner psychischer Erkrankungen, speciell der Paranoia hal- lucinatoria beobachtet wird. Auf der anderen Seite ist die Thatsache, dass die Geisteskranken fe.st an die reale Wahrheit ihrer Hallucinationen glauben, dass ihr Denken und Handeln sich in Uebereinstimmung mit denselben einrichtet, dass die Täuschungen nicht corrigirbar sind, dass die Hallucinationen auf der an- deren Seite ihren Inhalt in der Regel aus den Wahnvorstellungen schöpfen oder ihnen adaptiren, nicht ohne Annahme einer gleichzeitig bestehenden krankhaften Veränderung der Psyche zu verstehen. Gegen die Entstehung der Hallucinationen in dem speciellen corticalen Sinnescentrum sprechen Erfahrungen, bei denen Heerderkrankungen desselben nicht zu complicirten Hallucinationen, sondern nur zu Lichterscheinungen resp. Empfindungen von Geräuschen führten (Gowers, Bennett). Wäre die Hallucination lediglich eine Heerdaffection des betreffen- den Sinnescentrums, so müsste der Kranke die Täuschung durch die Con- trole der normal gebliebenen Sinneswahrnehmungen zu erkennen ira Stande sein, wie dies z. B. thatsächlich bei den Hallucinationen mit Anerkennung derselben als Täuschung (Hallucinations avec conscience) der Fall ist. Da- gegen wird die wesentliche Betheiligung der Sinnescentren bei der Hallu- cination durch die dem erkrankten Sinnescentrum entsprechende Verän- derung des hallucinirten Bildes gesichert. (Gehörshallucinationen bei einem atalctisch Aphatischen mit Worttaubheit als unverständliche Phrasen mit Substituirung fremder Worte [Holland], Gesichtshallucinationen bei einem Kranken mit central bedingtem Gesichtsfelddefect — dem Defect entsprechend zeigen die Hallucinationen nur Theile der hallucinirten Ob- jecte, nur Kopf- oder Brustbild [Pick].) Bei dieser Sachlage erscheint die psycho-sen serielle Theorie der Hallucinationen bei Geisteskranken als die einzige, welche den Thatsachen entspricht ^). Die Hallucination hat als Vor- bedingung eine krankhafte Verändeimng der Psyche, auf deren Boden und unter deren Betheiligung die krankhafte Reizung der Sinnescentren die Hallucination auslöst. Die Hallucination stellt demnach ein Heerdsymptom bei der diffusen Er- krankung der Hirnrinde dar und bildet nach dem Sitz des ergriffenen Centrums ein Localzeichen der Krankheit. Dass eine von der Peripherie kommende Erregung für die Her- vorrufung der Hallucination von Bedeutung sein kann, hat die Be- sprechung der Illusionen gezeigt. Dieser peripherische Reiz kann auch arteficiell hervorgebi’acht werden. ^) Storch, Vei’such einer psycho-physiologischen Darstellung der Sinneswahrnehmungen. Monatsschrift für Psychiatrie 1902.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2192613x_0034.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)