Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder / von Sigm. Freud und Oscar Rie.
- Sigmund Freud
- Date:
- 1891
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Credit: Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder / von Sigm. Freud und Oscar Rie. Source: Wellcome Collection.
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![über cerebrale Kinderlähmung Verwirrung anstatt Aufklärung ge- bracht haben, indem die Autoren [Wallenberg 16G), Kast8S), Hoven77)] Sectionsbefunde gegen seine Aufstellung der Poliencepha- litis geltend machten, welche mit derselben nichts zu thun haben. Setzen wir anstatt „Verwirrung „Verwicklung, so trifft die Be- merkung Strümpells zu, doch fällt die Schuld hiefür nicht auf diese Autoren, denn es kann ja nicht Aufgabe der Naturbeobachter sein, Verhältnisse einfacher darzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Wenn gegen Strümpell Fälle eingewendet worden sind, die er selbst auch klinisch nicht als Poliencephalitis anerkannt hätte, so kommt dies einzig und allein daher, dass Strümpell keine Merkmale angegeben, seine Poliencephalitis von anderen Formen der Kinderlähmung zu sondern. Dieses Versäumniss hat Strümpell in seiner letzten Arbeit nachgeholt: er fasst nur solche Fälle als Poliencephalitis auf, in denen die Kinder bis zum plötz- lichen Beginn der Erkrankung gesund waren, in denen die Krank- heit mit Fieber und Convulsionen, schweren Allgemeinerscheinungen begann, und bei denen die Lähmung späterhin unverändert bleibt. Für solche Fälle ist anzunehmen, dass eine acut entzündliche Affection die graue motorische Gehirnsubstanz befallen hat, welche nach kurzem Ablauf mit einer Narbe heilt. Uebrigens legt Strüm- pell diesmal weniger Werth auf die Bezeichnung Poliencephalitis. da er zugibt, dass die Entzündung auch in der weissen Substanz auf- treten kann, und er ist geneigt, das Ergebniss dieses pathologischen Processes nicht ausschliesslich in einem porencepbalischen Defect sondern ebensowohl in einer geschrumpften Stelle zu suchen. Wer die Symptomatologie der cerebralen Kinderlähmung überblickt, wird von vorne herein wenig geneigt sein, in den obigen klinischen Kriterien gute Anhaltspunkte für die Diagnose der Poliencephalitis zu sehen. Immerhin verlohnt es sich, dieselben auf ihren Werth näher zu prüfen. Als das wesentlichste derselben er- scheint der acute Beginn mitten in guter Gesundheit. Nun lehrt eine Reihe von Krankengeschichten mit Sectionsbefund, dass ein solcher Beginn keine feste Beziehung zur Natur des pathologischen Processes hat. Greifen wir die beiden Fälle von Jendrassik-Marie79) heraus, an denen diese beiden Autoren die Natur der lobären Sklerose studirt haben. Bei Fall I (Gallois) heisst es: Das Kind war für sein Alter recht gut entwickelt, sprach und konnte gehen, war recht intelligent, als es plötzlich im Alter von 26 Monaten, ohne jemals zuvor an Convulsionen gelitten zu haben u. s. w.. . . Dieser Fall, bei dem das Kennzeichen des acuten Beginnes mitten in der Gesundheit zutrifft, zeigte bei der Section keine porencephalische Narbe oder eine umschriebene Sklerose, sondern eine diffuse Sklerose fast der ganzen Hemisphäre, die unmöglich das Ergebniss eines acuten Krankheitsprocesses von wenigen Tagen sein kann, sondern von Jendrassik und Marie gewiss mit Recht auf einen chronischen, „niemals zum Abschluss gelangenden Process bezogen](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21024091_0194.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


