Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder / von Sigm. Freud und Oscar Rie.
- Sigmund Freud
- Date:
- 1891
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Credit: Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder / von Sigm. Freud und Oscar Rie. Source: Wellcome Collection.
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![Einen solchen Fall haben Sachs und Peterson14) mit- getheilt. „E. B., 17jähriges Mädchen, drittes von vier Kindern, alle anderen sind acuten Infectionskrankkeiten erlegen. Das Kind leidet seit einigen Jahren an epileptischen Anfällen, die alle 3—4 Monate wiederkehren. Keine Convulsionen in der Kindheit. Wurde wegen gemeiner Epilepsie von vielen Aerzten Jahre hindurch mit Brom behandelt. Genauere Nachforschung ergiebt aber, dass das Kind vor ungefähr vier Jahren einen apoplektiformen Anfall gehabt, und bei sorgfältiger Untersuchung fanden wir Andeutungen einer linksseitigen Hemiplegie: sehr deutliche Muskelschwäche der linken Extremitäten, bedeutende Steigerung der Sehnenreflexe, massige Intelligenzschwäche, deutliche Anämie. Wir setzen die Brom- behandlung aus, schlagen ein tonisirendes Verfahren ein, und die Kranke befindet sich dabei mindestens ebenso wohl wie unter Brom, das ihre geistige Apathie gewiss noch gesteigert, hatte. Sachs und Peterson machen die Bemerkung, dass ein recht ansehnlicher Percentsatz aller Fälle mit gewöhnlicher Epi- lepsie sich in Verbindung mit cerebraler Kinderlähmung entwickelt haben mag. 2. Es kommt vor, dass das zeitliche Verhältniss von Epi- lepsie und Kinderlähmung umgekehrt ist [Fälle von Osler, Marie, Wuill amier, Eulenburg etc. (Vgl. p. 13U)]. Die Epilepsie geht um Jahre vorher, bis plötzlich einmal nach einem Anfall die Lähmung auftritt und von da an bleibt. Man wird in der Zwischenzeit na- türlich den kleinen Kranken für einen Epileptiker halten, bis der Verlauf die Kinderlähmung klarstellt. Man sollte erwarten, dass die Halbseitigkeit der Epilepsie die wahre Natur dieser Fälle ver- räth, aber dies trifft nicht zu. Häufig genug sind die Anfälle, welche der Kinderlähmung vorausgehen, von gewöhnlicher Form, und andererseits kann man nicht jeden Fall partieller Epilepsie mit Sicherheit auf Herderkrankung zurückführen. Fälle dieser Art haben (Goodhart, Osler) die Deu- tung erfahren, als seien die epileptischen Convulsionen Ur- sache der Lähmung, als gehöre die Epilepsie unter die Aetiologie der cerebralen Hemiplegie. Wir haben bereits mehrmals Gelegen- heit genommen, diese Anschauung zurückzuweisen, und haben daran erinnert, dass bei vielen Epileptikern die schwersten Reihen- anfälle,ohneLähmungzurückzulassen,ablaufen, und dass die Autopsien nach solchen Anfällen keine bleibende Schädigung des Gehirns anzu- nehmen gestatten. Für unsere Auffassung sind Epilepsie und Lähmung zwei gleichberechtigte Symptome desselben Processes. In der Regel wird zuerst die Lähmung gesetzt und die Epilepsie entsteht später, nach Jendrassik und Marie) durch die Progression des secundären Schrumpfungsprocesses. Die Umkehrung der gewöhn- lichen Folge erklären wir uns in der Weise, dass wir annehmen, der initiale Process habe zuerst eine stumme Gehirnregion be- fallen und setze sich von dort aus räumlich weiter fort. Wenn er](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21024091_0199.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


