Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder / von Sigm. Freud und Oscar Rie.
- Sigmund Freud
- Date:
- 1891
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Credit: Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder / von Sigm. Freud und Oscar Rie. Source: Wellcome Collection.
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![Es genügt zu erwidern, dass hier ja die Facialisparese auf der der Armlähmung entgegengesetzten Seite bestand, und dass vom Bein keine Symptome berichtet werden, um die Unwahrscheiu- lichkeit dieser Deutung darzuthun. Wenn übrigens diese Beob- achtung von Ehrenhaus identisch mit einer Krankengeschichte sein sollte, die Henoch73) auf Seite 239 seines Lehrbuches mit- theilt, dann hätte dieser Autor seine Erklärung selbst zurückge- zogen, denn im Lehrbuche bezeichnet er die Facialparese eines in vielen Details ähnlichen Falles richtig als eine nucleäre. ] Es ist begreiflich, dass es sich mit'der Annahme einer gleichen Aetiologie für beide Erkrankungen nicht gut verträgt, hier eine systematische Entzündung und dort vasculäre Läsionen anzunehmen. Da man aber, wie wir gesehen haben, auf Schwierigkeiten stösst, werm man die pathologische Anatomie der Cerebrallähmung nach jener der Poliomyelitis modeln will, erübrigt nur noch der andere Weg, den bereits Vizioli eingeschlagen hat, nämlich die aus der pathologischen Anatomie der Cerebrallähmung gewonnenen Gesichts- punkte auf die Spinallähmung zu übertragen. Dies hat Marie allerdings erst in schüchterner- Weise gethan, indem er daran er- innerte, dass die Läsion bei Poliomyelitis vielfach über das Ge- biet der Vorderhörner hinausgeht. Die Möglichkeit, die er so an- deutet, wäre die folgende: Vielleicht ist auch die Poliomyelitis keine systematische Affection, sondern durch die Anwesenheit von Entzündungsträgern in den Rückenmarksgefässen bedingt; vielleicht gelingt es, im poliomyelitisch veränderten Rückenmarke nachzu- weisen, dass der Process primäre Herde an anderen Stellen setzen kann, und dann ist es möglich, die vorwiegende Localisation der Erkrankung in den Vorderhörnern dadurch zu erklären, dass diese Region die reichste GefässVersorgung hat. Wirklich darf man dieser Idee nicht von vorneherein die Berechtigung absprechen. Wir kennen genau ja nur die Narbe, den Endausgang der Po- liomyelitis, und was wir von frischeren Bildern kennen*), liesse sich in diesem und in jenem Sinne deuten. Auf diesem Wege wäre allerdings eine Analogie der beiden Erkrankungen, läge jeder von ihnen nur ein einziger oder mehrfache Krankheitserreger zu Grunde, zu erweisen. Fassen wir das Für und Wider, welches sich uns in Betreff dieser Frage ergeben hat, zusammen, so gelangen wir etwa zu folgendem Abschlüsse: Eine Identität der spinalen und cerebralen Kinderlähmung ist durch die Bemühungen von Vizioli, Strümpell und Marie nicht erwiesen worden; es wird wohl auch kein wissenschaftliches Bedürfniss durch den Nachweis einer sol- chen erfüllt. Diese Bemühungen haben aber eine gewisse Analogie beider, besonders in Betreff der Aetiologie, wahrscheinlich gemacht und haben zur Aufstellung von Problemen geführt, mit deren Lösung ein besseres Verständniss beider Krankheitsformen und *) Vgl. Moeli »).](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21024091_0215.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


