Naturgeschichte der seele und ihres bewusstwerdens : mnemistische biopsychologie / von dr. Eugen Bleuler.
- Eugen Bleuler
- Date:
- 1932
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Credit: Naturgeschichte der seele und ihres bewusstwerdens : mnemistische biopsychologie / von dr. Eugen Bleuler. Source: Wellcome Collection.
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![auszugeben. wenn wir daIiegt'M und unsere Gedanken ohne Anstrengung Sehweiten lassen, während wir offenbar ein Maximum verwenden, wenn es gilt, uns aus einer momentanen Lebensgefahr zu retten. Bei konzen¬ trierter Aufmerksamkeit wird man leichter „erschöpft“, als wenn man sieh gehen läßt. Ls gibt ferner Beschäftigungen, die sehr gut nebeneinander ablaufen. Gehen stört das Denken selten, häufiger fördert es geradezu die Überlegung (worauf das letztere beruht, weiß ich noch nicht recht; vielleicht hängt es damit zusammen, daß motorische Betätigung die . , . _ t rt rt W dlensregung im allgemeinen heraufsetzt | Kkaepeiun]), oder daß es Nebenassoziationen unschädlich ableitet, wie Rauchen, Zeichnen ,,un¬ schädlich“ weil stark automatisiert. Das Unbewußte kann namentlich in pathologischen hallen sehr energisch arbeiten, ohne deswegen dem Bewußten etwas an Energie wegzunehmen. Kurz, wenn etwas Richtiges hinter dem Begriff der Konstanz der psychischen Energie steckt, so ist es etwas anderes, als was man bis jetzt vermutete. Merkwürdigerweise muß man noch daran erinnern, daß die Energie der ein- und ausgehenden Funktionen direkt gar nichts mit der psychischen Energie zu tun hat. Wir können im ärgsten Lärm ruhen, im grellsten Licht geradezu schläfrig duseln. Die Stärke der Sinnesempfindung hat direkt keine Beziehung zur Stärke des durch sie ausgelösten psychischen Vorganges. Die nämliche Nachricht hat die gleiche Wirkung, ob laut oder leise gesprochen. Nur wo die Sinnesempfindung direkt einen Affekt auslöst, hat ihre Stärke eine Bedeutung, so wenn man von einem Knall erschrickt, wenn ein Schlag uns schmerzt. Ebenso können wir ohne psychische Anstrengung viel Muskelkraft ausgeben, wenn auch die Stärke des Wollens die physische Kraftausgabe begünstigt. Die psychische Energie drückt sich bloß in den Affekten und Trieben und in ihren Erfolgen, in der Ergie aus (ob als Affekt oder im Affekt ist nur ein Unterschied im Ausdruck). Weder der äußere noch der innere Erfolg einer psychischen Anstrengung braucht dieser irgendw ie proportional zu sein. Maßgebend ist in erster Linie das Verhältnis von Kraft und Hem¬ mungen. Letzteres ist aber recht kompliziert zu denken. Alle Organismen besitzen z. Z. die Möglichkeit, auf den gleichen Reiz nach zwei entgegen¬ gesetzten Richtungen zu reagieren. So kann ein Trief) durch innere oder äußere W iderstände in seiner Energie entweder verstärkt oder umgekehrt bis zur W irkungslosigkeit gehemmt werden.1 Steigert der Widerstand die Energie eines Triebes, so kann dadurch auch der Gegentrieb zu stärkerer Tätigkeit veranlaßt werden, was zu einem zunehmenden aber sterilen Kraftaufwand führt, auf den man aus Ermüdung und Erschöpfung schließen darf. Es mag dann irgend ein anderer regulierender Mechanismus oder die Erschöpfung des Kraftvorrates dem circulus vitiosus ein Ende bereiten. Manische, die keine Hemmungen haben, ermüden bei beständiger Tätigkeit sehr wenig, und haben auch ein ganz geringes Schlafbedürfnis2. Es sind auch nur innere Kämpfe, die zu den Erschöpfungsempfindungen der Neurotiker führen. Mat hat die psychische Energie als eine Funktion von Kapazität mal Tension aufgefaßt, so daß die Summe der Ausgabe in größeren Zeiträumen, nicht die momentan vorhandene Energie, sich einer Konstanten annähern würde. Eine neurotisch labile Affektivität kann anscheinend in kurzer Zeit sehr viel Energie verpuffen, die der Ruhige 1 Unter was für Umständen die positive und unter welchen die negative Reaktion erfolgt, vermag ich nicht kurz zu formulieren. - Auch die Melancholiker schlafen wenig, leiden aber darunter und fühlen sich müde.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2981411x_0250.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)