Die Funktion der Pulsadern und der Kreislauf des Blutes in altrabbinischer Literatur / von Dr. S. Mendelsohn.
- Samuel Mendelsohn
- Date:
- 1920
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Credit: Die Funktion der Pulsadern und der Kreislauf des Blutes in altrabbinischer Literatur / von Dr. S. Mendelsohn. Source: Wellcome Collection.
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![wie folgt: »Daher bin ich der Meinung, daß es sich bei den Talmudisten um die Fäden eines Tieres handelt, dessen Weridin durchschnitten sind, daß sie aber mit diesen zwei Fäden eine Ausnahme machen, da diese zwei nicht durch die Weridin entleert werden, denn sie haben keine Verbindung mit den Weridin, während alle anderen Fäden im Körper sich in die Weridin ergießen und durch die Weridin entleeren«1). Diese beiden mittelalterlichen Rabbiner wirkten lange vor William Harveys Geburt (1578), sie starben resp. 318 und 248 Jahre, ehe Flarvey im Jahre 1628 seine Entdeckung von der Zirku¬ lation des Blutes der Welt mitteilte; R. Judah ben Ilai', Galens älterer Zeitgenosse, lehrte mehr als vierzehnhundert Jahre vor Harvey —- haben diese Gelehrten, oder hat wenigstens einer von ihnen, Harveys Entdeckung vorausgeahnt? Mich dünkt, in An¬ betracht ihrer rituellen Anordnungen, ihrer wissenschaftlichen Andeutungen und ihrer Ausdrucksweise kann kein vorurteilsfreier Leser zweifeln, daß sie alle die wirkliche Funktion der Arterien als Blutträger recht gut kannten, und daß, wenn nicht jeder von ihnen, so doch sicherlich R. Salomon ben Adret und R. Nissim Gerundi eine unbestimmte Vorkenntnis von Harveys Entdeckung hatten. Der intelligente Laie könnte nun die Frage aufwerfen: Warum schreiben die Talmudisten so nachdrücklich die Durchschneidung der Luft- und der Speiseröhre als Bedingung zum erlaubten Genuß tierischen Fleisches vor; warum beschränken sie sich nicht auf den Anschnitt der Weridin, der doch, wie sich herausgestellt hat, der wichtigste Faktor in der regelrechten und gesetzmäßigen Schächtung ist? Die Antwort darauf ist nicht schwer, sogar fast selbstverständlich. In Aufstellung der Anordnungen in überlieferter Form haben die Rabbinen dafür gesorgt, daß der gewissenhafte Schächter keine Mühe habe, seine Pflicht vollkommen zu erfüllen. Sie beabsichtigten nicht, Anatomie oder Physiologie zu lehren. *) Torat ha-Bayit ha-Aruk II, 3, S. 68 b. — In einem früheren Kapitel derselben Abteilung (II, 2, S. 29a) schreibt Ben Adret wie folgt: »Wenn der Einschnitt in die Halsorgane gemacht ist, so eilt das Blut dem Schnitte zu, um zu entrinnen; wird aber gleich darauf der Nacken gebrochen, so wird es wieder im Körper aufgesaugt [s. Anm. 2 auf S. 22], und wird daher als aus einem Behältnis in ein anderes aufgenommen be¬ trachtet [s. Anm. 4 auf S. 8], was verboten ist« (vgl. Raschi zu Chullin 113a; Ascheri zu Chullin I 3).](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29980318_0031.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


