Gerichtliche Psychiatrie : ein Leitfaden fur Mediziner und Juristen / von A. Cramer.
- Date:
- 1900
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Credit: Gerichtliche Psychiatrie : ein Leitfaden fur Mediziner und Juristen / von A. Cramer. Source: Wellcome Collection.
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![aus den Akteu hervor, dass die Testatrix, welche bei der Testaineuts- errichtuug iu keiner Weise aufgefalleu war, kurz nach diesem Akt an demselben Tage in einen erotischen tobsüchtigen Zustand verfallen war. Weiterhin enthielten die Akteu fast 200 Briefe der Testatrix, welche sie namentlich in den Jahren vor, aber auch nach der Testamentserrichtuug verfasst hatte. Aus diesen Briefen ging mit voller Deutlichkeit ein ganzes System völlig unbegründeter Beeinträchtigungs- und Yerfolgungsideen gegen die von der Erbschaft ausgeschlosseneu nächsten Angehörigen hervor. Dabei waren die Briefe von einer Ueljerspanntheit und Ueberschwäuglichkeit, wie man sie nur bei Hysterischen findet. Es musste also das Gutachten dahin abgegeben werden, dass die Testatrix unter dem Zwange und ge- leitet von krankhaften Vorstellungen ihr Testament abgegel)en hatte. 19. Kapite]. Traumatische Seelenstörungen. Die Seelenstörungen, die sich im Anschluss an ein schweres Trauma entAvickeln. zeigen ebenfalls das Charakteristische, dass sicli die krankhaften S3'mptomenkomplexe in stetem Wechsel auf einem, icli möchte fast sagen, degenerativen Boden ablösen, und dass die Prognose im allgemeinen eine ebenso schlechte ist, wie bei der Hj'stei'ie und Epilepsie. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass gelegentlich ein leichteres oder schwereres Trauraa bei längst vorbereitetem Boden auch eine sogenannte einfache Seelenstörung, die einfach verläuft und unter Umständen zur Genesung kommt, auslösen kann. Diese Fälle aber gehören nicht hierher, denn bei denselben ist das Trauma ein nebensächliches ursächliches Moment. Die Fälle, welche den Namen Nähere ciucs traumatischcu Irreseins verdienen, sind dadurch charak- ^j^rj^vin^i^fl^^ terisiert, dass durch den Einfluss des Traumas das Gehirn eine schwere tischeji Irre- Schädiguug erleidet, welche m einer progressiv zunehmenden Charakter- veräuderung, in einem mehr oder weniger ausgeprägten Intelli- g e n z d e f e k t, in starken ethischen Mängeln — in einer grossen Keizbarkeit und oft auch in Intoleranz gegen Alkohol zum Ausdruck kommt. Auf diesem Boden treten, wie bei der Hysterie und der Epilepsie, für kürzere oder längere Zeit paranoische, melancho- lische oder maniakalische Sj^mptomenkomplexe auf, die sich unterein- ander oft rasch' und plötzlich ablösen. Häufig zeigen sich bei diesem traumatischen Irresein auch allerlei h3-sterische und epileptoide Symptome. Es ist bekannt, dass wir bei den sogenannten Unfall- kranken häufig ausgesprochen hysterische Zustände finden. Die epilep- toiden Erscheinungen bestehen in leichten Schwindelempfindungen. Benommenheitszuständen und dergleichen. Bekannt ist ja, dass nicht selten die Epilepsie durch ein Trauma hervorgerufen wird. Wir werden uns daher auch nicht wundern, dass die Yerwirrungs- zustände, welche Avir bei Traumatikern beobachten, häufig mit einer so hochgradigen Bewusstseinsausschaltung eiuhergehen, dass sie an die transitorischen ßewusstseinsstörungen der Epi- sems.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21903815_0220.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


