Gerichtliche Psychiatrie : ein Leitfaden fur Mediziner und Juristen / von A. Cramer.
- Date:
- 1900
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Credit: Gerichtliche Psychiatrie : ein Leitfaden fur Mediziner und Juristen / von A. Cramer. Source: Wellcome Collection.
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![Zeichen der ZwaiigsliaiuUiiiig' nachgewiesen sind, von einer krankhaften Störung im Sinne des § 51 gesproclien Averden kann. Die Zalil der- artiger Zwangstriebe und Zwangshandlungen ist Legion und liängt in ihrer Entstellung hänlig vom Zulall ab (L. Mevku, Intentions- psychosen). In gerichtlicher Beziehung erscheint in der Laienauschauung am wichtigsten die sogenannte K1 e pt o m an i e. Diese Kleptomanie kommt, Kleptomanie, wenigstens bei uns in Deutschland, sehr selten als eine reine Zwangs- liandLung zur Beobachtung. ]\Ieist handelt es sich um ausgesprochen geisteskranke Individuen; Epileptiker, Paraiioiker und Paralytiker. Auch bei senilen Seelenstörungen habe ich kleptomanische Neigungen schon beobachtet. Die Berichte in den Zeitungen betreffen fast stets entweder nicht Geisteskranke, Avelclie stehlen, oder Geisteskranke mit dem Zwangstrieb zum Diebstahl. Gelegentlich kommt es auch zur Entwicklung eines ZAvangs- jioi.damie triebes zum Morde. Es sind derartige Fälle in der Litteratur beschrieben. Tiele derselben sind ungenügend beobachtet, andere be- tretten Individuen, welche an einer wolilumschriebenen Form von Geisteskrankheit leiden, so dass ich zweifelhaft bin, ob wirklich nur auf Grund der ZAvangshandlung allein ohne weitere psychisch abnorme Symptome ein Mord begangen worden ist. Häufig treten Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen, welche sich nicht selten gegen das Individuum selbst richten, in grösserer Zahl bei einem und demselben Kranken auf. Oder es kann eine Zwangsvorstellung dauernd das ganze Vorstellungsleben eines Kranken dominieren. In solchen Fällen Avird man manchmal genötigt sein, das Entmündigungsverfahren einzuleiten. Es kommt nicht selten vor, dass, wenn auf degenei ativen Boden paranoische SA'inptomenkomplexe auf- treten, — die vorher schon bestehenden Zwangsvorstellungen für die Dauer des paranoischen Znstandes den Charakter von Wahnvorstellungen annehmen. Dass ganz isoliert ohne jede andere Störung ZAvangszustände auf- treten, wird selten beobachtet. ]\Ian hat deshalb auch die sogenannte Monomanie-Lehre der Fi'anzosen vollständig fallen lassen. Wenn Monomanie- man solche Fälle, bei denen angeblich nur eine bestimmte ZAvangsvor- zweifelhaft. Stellung oder ein bestimmter Zwangszustand bestehen soll, genau, nament- lich in einem Sanatorium oder in einer Anstalt beobachet. ist man oft erstaunt, Avas noch alles hervorkommt. Gelegentlich kommt es vor, dass sich im Anschluss an und aus ZAvangsvorstellungen eine aus- gesprochene Psychose entwickelt. (Progressive ZAA^angsvorstelInngen) WiLiiE, Heilbro>xer. Gegenwärtig befindet sich in unserer Anstalt ein öOjähriges Fräulein, gwaif'sti-i'eb das seit dem Jahre 69 bereits 4 mal um Aufnahme bat, weil sie sich nicht zum Morde, retten könne vor dem Gedanken, dass sie Ivindern etwas anthun und sie ermorden müsse. Dieser Gedanke sei so mächtig, dass sie, um vor einem Verbrechen bewahrt zu bleiben, nur in einer Anstalt sich sicher fühle. Ihr Aufenthalt währt jedesmal fast ein Jahr, und jedesmal stellten sich bald ausser dieser einen noch andere Zwangsvorstellungen und ausgesprochen melancholische Symptome ein. Gelegentlich treten auch den melancholischen Symptomen entsprechende Sinnestäuschungen auf. Ein anderer Fall betrifft einen 50 jährigen in hoher amtlicher Stellung y^^^l^vi^};^^ mit Berufsgeschäften überladenen Herrn, welcher seit einigen Jahren in zum Morde.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21903815_0231.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


