Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau.
- August Weismann
- Date:
- 1904
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Credit: Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau. Source: Wellcome Collection.
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![[{]{\ Kntsti'lmiiir der ?>liiiiion. hin es wirklich ticl, so wird es doch jedem vnn uns frei stehen, eine Hand voll Sand so zu weifen, wie es ihm gerade Ijeliebt. und obgleich auch dieser Wurf wieder seinen genügenden (irund in uns gehal)t liahen miiß, so wird man doch nicht sagen können, daß seine Richtung und die Orte, an denen die Ijetreli'enden Sandkörner niederfielen, in der (Je- schichte der Erde im voraus bestimmt gewesen seien. Mit anderen Worten: das, was wir Zufall nennen, spielt auch in der Ent- wicklun,g der Organismen eine Rolle, und es widerspricht der Annahme einer ins Einzelne hinein prädestinierenden Ent- wicklungskraft, wenn wnr sehen, daß die Arten sich ihren zu- fälligen Lebensbedingungen gemäß umwandeln. Dies läßt sich gerade bei den Blumen nachweisen. Wenn z. I>, das wilde Stiefmütterchen, Viola tricolor, welches in der Ebene und auf dem Mittelgebirge wächst, von Bienen befruchtet wird, die nahever- wandte Viola calcarata der Hochali)en von Schmetterlingen, so begreift sich das leicht, weil in den niedeien Regionen zwar die Bienen sehr häufig sind und somit die Befruchtung der Art sicher stellen, in den Hochal])en aber nicht. Dort überwiegen bei weitem die Schmetterlinge, wie jeder weiß, der einmal im Juli über die blumenbedeckten Matten in den Hochali)en gegangen ist und die Hunderte und Tausende von Tagfaltern gesehen hat, die dort von Blume zu Blume fliegen. So hat sich denn das Stiefmütterchen auf den Hochalpen zu einer Schmetter- lingsblume umgewandelt durch Verlängerung ihres Nektariums in einen langen, nur dem Schmetterlingsrüssel zugänglichen Sporn. Der Zufall, der gewisse Individuen der Stammart und ihre Nachkommen die Hoch- alpen erklimmen ließ, wird also die Veranlassung zu der Hervorbringung dieser dem dortigen Insektenbesuch angepaßten Abänderungen gewesen sein. Eine i)rädestinierende Entwicklungskraft leidet solchen Fällen gegenüber vollständig Schiffbruch, Einen vortrefflichen Prüfstein für die AVirklichkeit der Selektions- prozesse haben wir aber noch weiter in der Qualität der Abände- rungen bei Blumen und Insekten. Naturzüchtung kann nur solche Abänderungen hervorbringen, welche iliiem Trägei- sell)st von Nutzen sind; wir werden also nur solche Einrichtungen Ix'i Blumen anzutreffen erwarten, die den Blumen selbst direkt oder indirekt nützlich sind, und umgekehrt beim Insekt nur solche, welche dem Insekt selbst nützlich sind. Und so finden wir es in der Tat. Alle Einrichtungen der Blumen, ihre Farbe, ihre (lestalt. ihre Saftmäler und haarigen Saftsti'aßen (Iris), ihr Duft und ihr Honig, sie sind alle der Pilanze seliist indirekt nütz- lich, indem sie alle so zusammengeoi'dnet sind, daß sie das honigsuchende Insekt zui- Befruchtung der Blume zwingen. Am deutlichsten tritt dies bei den sog. ..Täusch blumen-' hervor, welche durch (iröße und Schönheit, durch Duft und ihre Ähnlichkeit mit anderen Blumen die Insekten anlocken und zur Kreuzungsvermittlung zwingen, obgleich sie gar keinen Plonig enthalten. So verhält es sich nach Her- mann Müller mit der schönsten unserer einheimischen Orchideen, dem Fiauenschuh, Cvpripedium calceolai'is. Dieser wird von Bienen aus der (iattung Andrena besucht, die in die gi'oße, holzschuhförmige Unterlippe der Blume auf der Suche nach Honig hineinkriechen, um sich dann gefangen zu finden, denn dort wenigstens, wo sie hereiid<amcn, können sie wegen der steilen und glattpolierten Wände dov lUume nicht wieder hinaus. Es gilit vielmehr für die Bienen nur einen Ausgang: sie](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20996330_0182.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)
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