Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau.
- August Weismann
- Date:
- 1904
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Credit: Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau. Source: Wellcome Collection.
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![Die große Sorgfalt, mit welcher (luieli den komplizierten Teilungs- api)arat die Chromosomen hall)ieit werden, liel;! uns schon früher in ihnen eine Substanz von verwickelter, mehrfacher Qualität und hoher physio- logischer Bedeutung vermuten, die konstante Zahl deiselben bei ein und dersell)en Art und ihre Herabsetzung auf die hallie Zahl durch die Reifungsteilungen berechtigt uns zu dem Schlüsse, dal.! sie ))leibende Gebilde, physiologische und moridiologische Einheiten sind, die nur scheinbar sich im Ruhezustand (k's Kerns regellos zerstreuen. Ent- scheidend aber ist schließlich die gleiche Zahl, in welcher diese Ver- erbungsträger in den beiden sich verbindenden Keimzellen enthalten ,sin(l. und die immer l)ei Pflanzen wie l)ei Tieren die Hälfte der Nor- nialzahl ist. Präzisei' kcinnten wir ja die logische Forderung, daß die Vererbungssubstanz von beiden Eltern her in gleicher Menge auf das Kind übertragen werden müsse, nicht erfüllt finden, als sie uns in der gleichen halben Zahl der Chromosomen in den beiden (ieschlechts- kernen im Ei entgegentritt. Für mich ist es daher seit lange schon nicht mehr zweifelhaft, daß das Chromatin des Kerns die Vererbungs- substanz ist, und ich habe diese Überzeugung nahezu gleichzeitig'^) mit Strasburger und 0. Hertwig ausgesprochen. Es gibt aber auch einen physiologischen Beweis für die Be- deutung dei- Kernsubstanz. Wiederum gleichzeitig haben zwei Forscher M. NUSSBAUM und A. Gruber, der letztere im hiesigen Institut und auf meine ^'eranlassung, Regenerationsversuche an Einzelligen gemacht und gefunden, daß Infusorien, die in zwei, drei oder vier Stücke künst- lich zerschnitten worden waren, aus jedem ihrer Teilstücke wieder ein volles Tier zu bilden vermögen, voi-ausgesetzt, daß das Stück einen Teil des Kerns (Macronucleus) enthalte. Das große blaue Trom])eten- tierchen, Stentor coeruleus, eignet sich sehr gut zu solchen \'ersuchen. nicht nur wegen seiner (iröße. sondern auch deshalb, weil es einen sehr langen, rosenkranzförmigen Kern besitzt, der vom Schnitt leicht zwei- odei- gar dreimal getroffen werden kann. Sobald in einem Teilstück des Tieres kein Kernstück enthalten ist. lebt es zwar noch einige Tage, schwimmt umher und kontrahiert sich, aber es ist nicht fähig, die ver- lorenen Teile neu zu bilden und so aus dem Stück Zellkörper wieder ein ganzes Tier zu gestalten, es geht zugrunde. Im Kern also ist die Substanz zu suchen, die der Materie des Zellk()rpers eine bestimmte Gestalt und Organisation aufprägt, nämlich die (iestalt und Organisation der Vorfahren. Das aber gerade ist der Begriff einer Vererbungs- substanz, oder des Idioplasmas (Nägeli). Manche unter den Neue- ren bestreiten jede Vererl)ungssui)stanz und meinen, das Ganze der Keimzelle bewirke die Vererbung. Zellköri)er und Kern zusammen. Aber wenn es auch unbestreitbar ist. daß der Kern ohne Zellkiirper keine Vererbung hervorrufen kann, sowenig als der Zellkrtri)ei- ohne Kern, so fällt das doch damit zusammen, daß der Kern ohne Zellk()ri)er nicht leben kann; aus der Zelle genommen und etwa in Wasser ge- legt, platzt ei- und zerfließt. Dei- Zellköri)er aber ohne Kern lel)t weitei-, nui- eine Anzahl von Stunden odei- Tagen freilich. ai)er er lebt, und sein Stoffwechsel hört eist auf. wenn der Mangel an Ersatz des *) Genauer: eiiiiüc .Moimtc spiitcM-. :ils die uciianiiti'ii Forscher (ISSf)); icli denke jedoch, wer meine Schriften der nnniitlellcir vorlieri;(>henden Jahre kennt, wie sie in den „Anfsiifzen über Ven>rhnn,«r und verwandte l>ieh)uische i^Vasjeir' (.ieiia lS!)2l {fesaininelt vorlie.ücn, wird mir die Selliständinkeit des (ie(hiiikens nicht bestreiten wdlleii, und ich h-jc Wert darauf, da aHe nu'ine spateren ArheitiMi auf di.'sem (ie- (laiikcn weiterhaiieii.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20996330_0294.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)
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