Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau.
- August Weismann
- Date:
- 1904
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Credit: Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau. Source: Wellcome Collection.
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![200 . I^'t' Keiiii|)lasiiiatlie()rift. Wenn wir uns fragen, von welcher Beschaffenheit ein solches Chromatinkügelchen, ein Id sein müsse, damit es, eingeschlossen im Kern einer lebenden P'ortpÜanzungszelle die Bildung eines neuen Organismus leite, welches seinem Elter ähnlich ist. so bieten sich uns zwei Grundannahmen dar, die auch ganz unabhängig von der Annahme von Iden sich an jedes ..Keimplasma anknüpfen lassen. Entweder nämlich denken wir uns das Id aus gleichen oder auch aus verschieden- artigen Teilchen derart zusammengesetzt, daß keines derselben eine feste Beziehung zu Teilen des fertigen Tieres hat, oder wir denken es uns zusammengesetzt aus einer Menge verschiedenartiger Teilchen, von welchen jedes in Beziehung zu bestimmten Teilen des fertigen Tieres steht, also gewissermaßen die ..Anlage desselben vorstellt, ohne daß aber irgend eine Ähnlichkeit zwischen diesen ..Anlagen und den fertigen Teilen da zu sein braucht. Die Annahme einer Keim- substanz aus gleichartigen Teilchen, wie sie z. B. von Herbert Spencer gemacht worden ist, läßt sich als modern umgestaltete Epigenesis be- zeichnen die letztere Annahme aber als modern umgestaltete Evo- lutionstheorie. Da es der ersteren nicht mehr gestattet ist, einen „Bildungstrieb'' als Dens ex machina zu Hülfe zu rufen, so vermag sie die Entwicklung nur dadurch zu erklären, daß sie dieselbe aus der Einwiikung äußerer Einflüsse, Temi)eratur, Luft, Wassei'. Schwere. Lage- beziehungen der Teile — auf die überall gleich gemischten chemischen Bestandteile der Keimsubstanz herleitet, und es macht dabei keinen Unterschied, wenn man sich auch diese gleichmäßige Keimsul)stanz aus vielen verschiedenartigen Teilchen zusammengesetzt denkt, sobald diese Teilchen die gesamte Keimsubstanz in gleichmäßiger Mischung aus- machen, und keine Beziehung zu bestimmten Teilen des werdenden Tieres haben. Oscar Hertwig hat vor kurzem eine solche Theorie entworfen. Wenn ich Ihnen dieselbe auch hier nicht vorfühi'cn kann, so muß ich doch so viel wenigstens über sie und alle Entwicklungs- theorien, die auf gleicher Basis errichtet werden könnten, sagen, daß man sie auch dann nicht annehmen dürfte, wenn sie imstande wären, eine brauchbare Erklärung für die p]ntwicklung des Individuums zu geben, und zwar deshalb, weil die Ontogenese nicht eine isolierte Er- scheinung ist, die man für sich ohne Rücksicht auf die (iesamtentwick- lung der Lebewelt erklären darf, denn sie hängt aufs innigste mit dieser zusammen, sie ist geradezu ein Stück von ihr, ist. wie wir noch sehen werden, aus ihr entstanden, und bereitet ihrerseits den weiteren Ver- lauf derselben wiederum vor; die Ontogenese muß in Überein- stimmung mit der Phylogenese und durch dieselben Prinzipien erklärt werden. Damit ist aber die Annahme einer anlagenloscn. oder gar, wie Herbert Spencer will, völlig honu)genen Keimsubstanz un- vereiid)ar, denn sie widerspricht — wie sich zeigen wii'd — gewissen Tatsachen der Vererbung und der N'ariation, und deshalb müssen alle Theorien, die sich darauf aufbauen, unannehmbar bleiben. Es gibt noch eine andere, und wie ich glaube schwerwiegende Überlegung, welche uns verbietet, eine anlagenlose Keimsubstanz an- zunehmen. Ich werde später darauf zurückkommen, nu'u'hte aber jetzt zunächst meine „Keimplasnuitheorie noch vollends ausbauen. Ich nehme nun an. das Keimplasma bestehe aus einer grolieu Menge ditferenter lei)ender Teilchen, von welchen jedes in bestimmter ]ieziehung zu bestimmten Zellen oder Zellarten des zu Ijildenden Or- ganismus steht, d. h. aus „Anlagen in dem Sinn, daß ihre Mitwirkung](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20996330_0306.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)
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