Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau.
- August Weismann
- Date:
- 1904
Licence: Public Domain Mark
Credit: Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by the Gerstein Science Information Centre at the University of Toronto, through the Medical Heritage Library. The original may be consulted at the Gerstein Science Information Centre, University of Toronto.
318/722 page 302
![uns also vorzustellen, alle lebende Substanz. Zell- und Kernsubstanzen, Muskel-, Nerven- und Di'üsensubstanz in allen ihren \'arianten bestünde aus lMoi)lioren, natürlich aus solchen der verschiedensten Zusammen- setzung. Es muß unzählige Biojjhorenarten in all den verschiedenen Teilen der Millionen von Lebensformen geben, die heute auf der Erde leben; alle müssen aber nach einem gewissen Grundschema gebaut sein, welches eben ihre wunderbai'e Fähigkeit bedingt, zu leben; alle be- sitzen die Grundeigenschaften des Lebens, dissimilieren, assimilieren, wachsen, vermehren sich durch Teilung. Auch Bewegung und Em- l)findung werden wir ihnen in irgend einem Grad und Sinn zusjjrechen müssen. Über ihre Größe läßt sich nur sagen, daß sie weit unter der (irenze der Sichtbarkeit liegen und daß alle kleinsten Körnchen des Protoplasmas, welche wir mit unseren stärksten Systemen noch gerade wahrnehmen können, keine einzelnen Biophoren sein können, sondern Massen von ihnen. Andererseits müssen sie aber größer sein, als irgend ein chemisches Molekül, weil sie selbst aus einer Gruppe von Molekülen bestehen, unter welchen sich solche von komplizierter Zu- sammensetzung und demgemäß auch relativ bedeutender Größe befinden. Es fragte sich nun zunächst, ob nicht etwa die oben erschlossenen Determinanten identisch sind mit diesen .,Biophoren oder kleinsten Lebensteilchen; dem ist aber jedenfalls nicht allgemein so. Wir be- zeichneten als Determinanten diejenigen Teilchen der Keimsubstanz, welche ein „Vererbungsstück des Körpers bestimmen, d. h. von deren Anwesenheit im Keim es abhängt, daß ein bestimmter Teil des Körpers, bestehe er aus einer Zellengrup])e, einer einzelnen Zelle oder einem Zellteil, sich bildet und zwar in spezifischer Weise, von dei'en \'ariieren ferner nur diese bestimmten Teile ebenfalls zum \'ariieren veranlaßt werden. Es fragt sich nun, wie groß solche \'ererbungsstücke und wie zahlreich sie sind, ob jeder Zellenteil, ob jede Zelle des Körpers, oder ob nur größere Zellengruppen ein solches darstellen. Offenbar nun sind diese vom Keim her einzeln bestimmbaren Bezirke ganz ver- schieden groß, je nachdem wir es mit kleinen oder großen, einfachen oder komplizierten Organismen zu tun haben. Die Einzelligen, z. B. die Infusorien müssen wohl für eine Menge von Zellorganen und -Teilen besondere Determinanten besitzen, wenn wir auch das selbständige und erbliche Variieren ihrer Organe nicht direkt feststellen können: niedere Vielzellige, wie etwa die Kalkschwämme werden nur einer relativ ge- ringen Zahl von Determinanten bedürfen, bei hr)heren \'ielzelligen aber. z. B. schon bei den meisten Gliedertieren muß ihre Zahl bereits eine sehr hohe sein und viele Tausende, ja Hunderttausende betragen: denn hier ist bereits alles am Kf'uper spezialisiert und muß durch selbständige \'ariation vom Keim her veiändert worden sein. So stehen l)ei vielen Krebsen die Kiechstäbchen einzeln an bestimmten (Jliedern der Fühler und die Zahl der mit einem Riechstäbchen ausgei'üsteten (ilieder ist verschieden bei verschiedenen Arten; auch die (iröße der Kiechstäi)chen selbst ist sehr verschieden, ist z. B. bei unserer gemeinen Wasserassel viel geringer, als bei der blinden Wasserassel aus den Tiefen unserer Seen, bei welcher der Ausfall des Gesichtes durch Verschärfung des Geruchs ersetzt wiid. Hier können also die Riechstäl)chen für sich erblich variieren, aber auch jedes (Jlied des Fühlers vermag ein solches selbständig durch Variation hervorzubringen. Wir müssen demnach in](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20996330_0318.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)
No text description is available for this image
No text description is available for this image
No text description is available for this image