Lehrbuch der allgemeinen Pathologie und der allgemeinen pathologischen Anatomie / von Hugo Ribbert.
- Hugo Ribbert
- Date:
- 1901
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen Pathologie und der allgemeinen pathologischen Anatomie / von Hugo Ribbert. Source: Wellcome Collection.
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![Störungen bei Vater und ]\Iutter die Keime l)eeintlussen und auf die Dauer schwäclien. So können ferner durch Krankheiten her- vorgerufene Veränderungen der ernährenden Säfte von Ei und Spermatozoon nicht ohne iS’achtheil ertragen werden. Man darf sich gewiss vorstellen, dass sich auf Grund solcher Einwirkungen hei den werdenden Individuen Ahnormitäten heraushilden, wenn man sich auch andererseits schwer Rechenschaft darüber gel)en kann, wie deim auf diesem Wege bestimmte charakteristische Ab- weichungen, wie Haemophilie, Polyurie etc., zu Stande kommen. Sind nun aut die eine oder andere Weise Veränderungen im Ei oder Spermatozoon entstanden, so müssen sie nicht nur in dem neuen werdenden Individuum sich geltend machen, sondern auch in dessen Geschlechtszellen der Anlage nach vorhanden sein. So werden dann die weiteren Kachkommen auch mit ihnen behaftet sein, d. h. es wird eine Vererbung einti’eten. Xun ist aber eine derartige Uebertragung anf eine Heike von Generaiioneyi heschränkt. Die Haemophilie z. B. erlischt ineist schon bei den Urenkeln. Das mag so zu denken sein, dass die abnorme Körperbeschaffenheit allmählich durch die stärkere Ent- wicklung normaler Verhältnisse zurückgedrängt wird. Oder aber es mag seinen Grund darin haben, dass ja bei der Fortpflanzung im Allgemeinen eine Vereinigung mit den Keimzellen gesunder Individuen statttindet, dass dadurch jedes ]\Ial der pathologische Zustand durch Vertheilung auf zwei Zellen auf die Hälfte herab- gemindei’t wird und sich so mehr und mehr abschwächt, bis er sich schliesslich in der Kachkommenschaft nicht mehr geltend macht. Aber f/anx xu erlöftchen braucht er deshalb nicht. Unter günstigen A’erhältnissen kann er sj)äter wieder in die Erscheinung treten, so z. B. wenn zwei Keimzellen sich miteinander vereinigen, die beide von früher her eine bis dahin latent gebliebene abnorme Anlage besitzen. Dureb Summirung der beiderseitigen Eigen- schaften kann dann der Zustand wieder genügend intensiv werden, um als pathologische Abweichung im späteren Individuum wieder hervorzutreten. Die Periode der Latenz kann dabei eine sehr lange sein, sieb über viele Generationen erstrecken, ln der Des(“endenztheorie pflegen wir ein solches AV^iedererscheinen längst verloren geglaubter Eigenschaften als Atavismus zu bezeichnen. Beim Alenschen lasst man ziemlich allgemein die Polythelie so aut, d. h. das \ orkoinmen überzähliger Brustwarzen. Auch auf die Polydaktylie hat man diesen Gesichtspunkt freilich nicht unwidersprochen anzuwenden](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28112635_0024.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


