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Credit: Lehrbuch der Kinderkrankheiten / von Alfred Vogel. Source: Wellcome Collection.
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![Die Franzosen behaupten, die Brünetten hätten eine nahrhaftere Milch als die Blondinen, wovon ich mich bei uns in Deutschland noch nicht habe überzeugen können. Was die Brustdrüsen selbst bebrifft, so seien sie massig gross, von gesunder Haut bedeckt, die Warzen müssen we- nigstens 2—3 Linien prominiren, und bei Druck auf die Mamma mnss die Milch aus mehreren Milchgängen in feinen Strahlen hervorspritzen. Man pflegt bei den Ammen auch auf gute Zähne zu sehen, was übri- gens bei der ungeheuren Verbreitung, die ietzt die Zahncaries gewonnen hat, immer mehr vernachlässigt wird. Yiel wichtiger scheint mir ein ge- sundes, rothes, festes Zahnfleisch zu sein. Blasses, bläuliches, leicht blu- tendes oder riechendes Zahnfleisch lässt immmer Blutannuth oder mangel- hafte Verdauung vermuthen, zwei Zustände, die sich keinesfalls mit dem Säugen vertragen. Bei unserer Bevölkerung sind mn* die phlegmatischen und nachgiebigen Ammen immer die erwünschtesten, eine herrschsüch- tige Person kann in einem Hause, wo mehrere Dienstboten sind, nie- mals Amme werden; denn sie wnd, kaum angenommen, sogleich ihre Unentbehrlichkeit denselben fühlen lassen und sie nach wenigen Tagen aus dem Hause zu ti-eiben suchen. Der Schluss der ganzen Scene ist dann immer, dass die Friedensstörer in wieder entfernt wird, und der für Alles Rath wissende Hausarzt eine neue Amme herbeischaffen muss. Ge- wöhnlich zieht mau die Landmädchen den Städterinnen vor. Wenn es wahr wäre, dass die Moralität auf dem Lande grösser ist als in der Stadt, so wäre dies allerdings ein gewichtiger Grund, meine Erfahrungen jedoch können diese Behauptungen nicht bestätigen. Bei Landammen stellt sich aber meist noch der Uebelstand ein, dass sie starkes Heimweh bekom- men, die städtische Kost und Lebensweise nicht vertragen und sich schwer acclimatisiren, so dass sie trotz ihres stärkeren Knochenbaues imd ihrer entwickelten Brüste weniger gute Dienste leisten, als ein Fab- rikmädchen oder eine städtische Dienstmagd. Bevor man eine Amme engagirt, hat sie sich und ihr Kind am gan- zen Körper untersuchen zu lassen; das Kind muss gut genährt sein, für sein Alter gehörige Fettpolster haben und darf an keinem Körpertheile nm' irgend verdächtige wunde Stellen zeigen. Die Amme muss die oben beschriebenen ]Eigenschaften der Mamma und des Zahnfleisches haben, die physikalische Untersuchung der Brusthöhle darf keine AnomaHe er- geben, sie darf keinerlei Geschwüre haben, besonders sind Anus, Genita- lien und Mimdhöhle genau auf Syphilis zu untersuchen. Diese Vorschriften finden alle nur ihre Anwendung, wenn man die Wahl zwischen mehreren Ammen hat. Wenn man aber, wie es so häu- fig in kleineren Städten der Fall ist, froh sein muss, überhaupt im gan- zen Orte und seiner Umgegend eine Person, die sich zm- Amme hergibt, aufzutreiben, so kann man eine jede nehmen, die an keiner fieberhaften Krankheit, keiner Syphilis und keiner nachweisbaren Tuberculosis leidet und eine hinlängliche Menge Milch aus gesunden Warzen secemirt. Wk- kommen nun zm- Hauptsache, zur Milch und iliren chemischen und miki'oskopischen Eigenschaften. Das spec. Gewicht der Frauenmilch ist durchschnittlich 1,032. Lasst man sie einige Zeit ruhig stehen, so scheidet sich auf ihrer Obei-flache eine dicke, fettreiche, gelblich weisse Schichte, der sog. Rahm, ab, wah- rend die darunter befindliche Flüssigkeit, ärmer an Fett und desshalb specifisch schwerer, von bläulich weisser Farbe wird. Die frische Frauen- milch ist bläulich weiss oder rein weiss, von schwach süsslicheni Ge- schmacke und alkalischer Reaction, lässt man sie aber bei nicht zu](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21925173_0048.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)