Volume 1
Grundzüge der physiologischen Psychologie / von Wilhelm Wundt.
- Wilhelm Wundt
- Date:
- 1893
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Credit: Grundzüge der physiologischen Psychologie / von Wilhelm Wundt. Source: Wellcome Collection.
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![Grundlage seiner Theorie gemacht, ist es allniählicli auch von solchen Forschern, die im übrigen an der YouNG-IlELMnoLTz'schen Hypothese festhalten, insofern acceptirt worden, als sie geneigt sind, das Weiß als eine specielle Grundem- pfindung anzusehen, welche stets die farbige Reizung begleite: so besonders DoNDERS^) und VON Kries2). Im Anschlüsse hieran sind sogar Versuche gemacht worden, verschiedene physiologische Substrate für die achromatische und die chromatische Reizung aufzufinden, sei es nun dass man solche in der Retina selber aufsuchte, oder sei es dass man nur den Ort der chromatischen Reizung in die Retina verlegte, die bloße Lichtunlerscheidung aber als einen centralen Vorgang postulirte^). Diese Versuche haben jedoch in Bezug auf die Retina bis jetzt zu keinem sicheren Resultate geführt ■*), und bezüglich der centralen Vorgänge bleibt auch hier die Auffassung die wahrscheinlichste, dass zwar die psychophysischen Grundlagen des Actes der Unterscheidung von Licht und Farben centraler Natur, dass aber die zu unterscheidenden Erregungen selbst in der Retina vorgebildet sind. Schon in den früheren Auflagen dieses Werkes wurde als ein für die Dreicomponententheorie bedeutsames Moment die Abhängigkeit der Sättigung der Farbe von der Lichtintensität hervorgehoben, während in den Grassmann- schen Sätzen über Farbenmischung, an welche Hblmiioltz seine Erneuerung der YouNG'schen Theorie anlehnte, im Widerstrelt mit der Erfahrung Farben- ton, Sättigung und Lichtintensität als von einander unabhängige Variable be- trachtet werden^). Jene Beziehung zwischen Sättigung und Lichtstärke scheint darauf hinzuweisen, dass die farblose Erregung als eine selbständige, in der Retina vorhandene Componente jeder chromatischen Reizung angesehen werden muss, wie dies in Fig. 13 8 zum Ausdruck gebracht worden ist. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend ist es aber eine naheliegende Annahme, auch die Farbenempfindungen auf Zusammensetzungen aus mehreren Farbencomponenten zurückzuführen. In dieser allgemeinen Fassung ist das Problem von Hering in einer neueren Schrift behandelt worden 6], Mit Recht führt derselbe hier aus, dass durch die Existenz der drei Grundfarben ein fester Anhaltspunkt für die Wahl irgend einer Theorie noch nicht gewonnen, sondern dass damit nur aus- gedrückt ist, drei sei die geringste Zahl anzunehmender Componenten, welche den Forderungen der Farbenmischung einigermaßen genügen. Es ist hiernach klar, dass nur die größere oder geringere Uebereinstimmung mit den sonstigen physiologischen Thatsachen darüber entscheiden kann, welcher dieser möglichen 1) DoNDERs, Arch. f. Ophlhalm., XXVII, i, S. -135. XXX, i, S. •13. 2) VON Kries, Die Gesichtsempfindungen und ihre Analyse. Leipzig 1882, S. -fSQ. Nicht alle Anhänger der Dreifarbentheorie haben sich freilich zu diesen Zugeständnissen entschlossen. Helmholtz bezeichnet noch in der 2. Aufl. seiner Physiol. Optik (S. 339) die totale Farbenblindheit als »Monochromasie«; er ist der Ansicht, dass bei diesem Zustand alle Objecte farbig, wenn auch nur in einer Farbe, gesehen werden, eine Annahme, die den wohl untersuchten Fällen circumscripter und monocularer totaler Farbenblindheit gegenüber schwer begreiflich ist. 3) VON Kries, a. a. 0. S. 164. Donders ist geneigt, auch die Bedeutung der vier Hauptfarben Roth, Gelb, Grün und Blau auf unbekannte centrale Bedingungen zurück- zuführen (a. a. 0. XXVII, S. 173). 4) Vgl. Schneller, Arch. f. Ophthalm.. XXXVIII, 4, S. 73. 5) Vgl. Hering, Heber Newton's Gesetz der Farbenmischung, Prag 1887, S. 54 (Aus dem naturw. Jahrb. Leios VII), und meinen Aufsatz zur Theorie der Farbenempfin- dungen, Phil. Stud. IV, S. 368. 6) Heber Newton's Gesetz der Farbenmischung, S. 68 ff. WüNDT, Grundzüge. I. 4. Aufl. o,-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21293788_0001_0563.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)