Volume 1
Grundzüge der physiologischen Psychologie / von Wilhelm Wundt.
- Wilhelm Wundt
- Date:
- 1893
Licence: Public Domain Mark
Credit: Grundzüge der physiologischen Psychologie / von Wilhelm Wundt. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by King’s College London. The original may be consulted at King’s College London.
566/624 (page 548)
![sprechen miisste. Dieser Folgerung widerstreiten jedoch zahlreiche Beobach- tungen an total Farbenblinden , wo die Helligkeitsverlheilung im Spektrum voll- ständig die nonuale geblieben war, und wo, falls monoculare oder circumscripte Farbenblindheit besland, die Helligkeit farbiger Objecto auf farbenblinden utid farbentüchtigen Stellen vollkommen gleich geschätzt wurden i). Nicht weniger bilden aber viele Fälle partieller Farbenblindheit ein unübersteigliches Hinderniss auch für diese Theorie. Insbesondere fallen hier jene Fälle mono- cularer partieller Farbenblindheit ins Gewicht, bei denen mit Sicherheit nach- gewiesen werden konnte, dass der Auslall entweder überhaupt nur eine Farbe, oder doch jedenfalls nicht die Glieder eines HERiNc'schen Urfarbenpaares oder überhaupt zwei zu einander complemenläre Farben trifft 2). Gleichvvohl kann der Hypothese Hering's das Verdienst nicht abgesprochen werden, dass sie in viel höherem Grade als die Drei-Componententheorie bemüht ist den Forderungen, welche sich von Seiten der subjectiven Thatsachen des Sehens aus erheben, gerecht zu werden. Nur die Verwandtschaft der beiden Endfarben des Spek- trums, die, nachdem sie in den älteren Vorstellungen eine bedeutsame Rolle gespielt, in eine unverdiente Vergessenheit gerathen scheint, hat auch sie un- berücksichtigt gelassen. Den Schwierigkeiten der Gomponententheorien scheint mir nun die oben dargelegte Stufe n th eo rie zu entgehen, indem sie zugleich über die sämmt- lichen oben bezeichneten sechs Punkte widerspruchslose Rechenschaft zu geben versucht. Wenn gegen dieselbe der Einwand erhoben wurde, sie sei unvereinbar mit der Annahme eines photochemischen Ursprungs der Lichtreizung 3], so ist dies schwerlich begründet. Am nächsten dürfte es doch liegen, in diesem Fall an die färbenden Wirkungen des Lichtes auf complexe organische Ver- bindungen zu denken. Hier wissen wir aber, dass z. B. die Stoffe des Chloro- pliyllkorns die verschiedensten Färbungen annehmen können, denen natürlich Zersetzungsprocesse verschiedener Art entsprechen werden. So ist es denn auch vollkommen denkbar, dass in der Retina ein complexer Stoff exislirt, in welchem durch das Licht Spaltungen eingeleitet werden, die sich in kurzen Intervallen mit der Wellenlänge ändern und Producte zurücklassen, welche sich alsbald mit einander verbinden, um entweder ihre farbenerregenden Wir- kungen zu corabiniren oder zu compensiren, ähnlich wie zwei farbige Körper sowohl farbige wie farblose Verbindungen mit einander erzeugen können. Ich leugne nicht, dass diese Vorstellung in gewisser Weise wieder auf die Annahme von Sehstoffen zurückführt; aber ich leugne, dass uns Anhaltspunkte zur An- nahme einer irgend begrenzten Zahl und namentlich solcher Sehstoffe vorliegen, die in der »Sehsinnsubstanz« präformirt sind, und nicht vielmehr durch die Lichtreizung selbst erst gebildet werden, um dann theils Mischungseffecte, theils antagonistische Wirkungen hervorzubringen. Ueberdies wird durch die sub- jective Analyse unabweislich die Annahme gefordert, dass die Farbenempfindung eine periodische Function ist, insofern die photochemischen Wirkungen der kürzesten Wellen denen der längsten wieder ähnlich werden, und indem inner- halb dieser Reihe je zwei Vorgänge sich antagonistisch verhalten. Es ist aber 1) Vgl. A. König, üeber den Heliigkeitswerth der Spektralfarben, S. 70 ff. Dass die bei Mischungsversuchen gewonnenen Ergebnisse, die für die unabhängigen Helligkeits- valenzen der einzelnen Farben beigebracht wurden, auch in andern Beobachtungen nicht bestätigt werden konnten, ist schon oben S. 499 Anm. 3 bemerkt worden. 2) Vgl. oben S. 510. 3) von Kries, a. a. 0. S. 159.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21293788_0001_0566.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)