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Credit: Grundzuge der physiologischen Psychologie / von Wilhelm Wundt. Source: Wellcome Collection.
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![wahrend umgeben. Aber unter diesen dreien nimmt die Indifferenz der Stimmung zu mit dem Verlust des entschiedenen Farbencharakters. Das Grün, obgleich in der Mitte stehend zwischen dem erregenden Gelb und dem beruhigenden Blau, entbehrt darum doch nicht des Ausdrucks, son- dern in ihm wird eben jenes Gleichgewicht des Gefühls zwischen Erregung und Ruhe selber zur Stimmung. Viel gleichgültiger ist schon das Braun, und völlig verloren gegangen ist der Gefühlscharakter der Farbenwelt in dem Grau. Braun und Grau wählen wir daher als Farben unserer Klei- dung, unserer Tapeten und Möbel, so recht eigentlich in der Absicht nichts damit auszudrücken. Wenn mehrere Farben neben einander auf das Auge einwirken, so bestimmt der wechselseitige Einfluss, den sie auf einander ausüben, mit der Empfindung auch das sinnliche Gefühl1). Wird durch den Contrast eine Farbe gehoben, so muss damit der ihr beiwohnende Gefühlston eben- falls verstärkt werden, und das entgegengesetzte tritt dann ein, wenn die Lichteindrücke durch Induction sich schwächen. Die beiden gegen ein- ander um 180° gedrehten Farbenkreise in Fig. 134 (S. 481) veranschaulichen daher auch diese Seite der Farbenwirkung, indem die gegenseitige Hebung der Farben für die zusammentreffenden Complementärfarbenpaare am größ- ten ist und mit dem Lageunterschied der einander inducirenden Farben mehr und mehr sich vermindert. Gleichzeitig wirken aber hierbei die Farbenzusammenstellungen als solche; sie erzeugen ein Gefühl der Har- monie oder Disharmonie, durch welches die den einzelnen Farben ent- sprechenden Gefühlstöne wesentlich modilicirt werden2). Die Gefühle, welche sich an die Schall- und Lichtempfindungen knüpfen, bewegen sich zwischen Gegensätzen, wie alle Gefühle. Aber die einander entgegengesetzten Zustände können hier nicht mehr, wie bei den niedrigeren Sinnesempfindungen, einfach als Lust und Unlust bezeichnet werden. Wenn durch tiefe Töne Ernst und Würde, durch hohe Frohsinn und heiteres Spiel ausgedrückt werden, wenn dem Roth und Gelb ein aufregender, dem Blau ein beruhigender Gefühlston innewohnt, so sind dies Gegensätze, die sich den Begriffen Lust und Unlust kaum mehr unler- ordnen lassen. Allerdings fehlt der Schall- und Lichtempfindung auch dieser Gegensatz nicht, aber er tritt doch bei Empfindungen von mäßiger Stärke hinter der sonstigen Qualität der Gefühle zurück. Da nun die Tast- und Gemeinempfindungen überhaupt von qualitativ einförmiger Be- schaffenheit sind, so ist es begreiflich, dass auch die an sie gebundenen Lust- und Unluslgefüble nur geringe qualitative Färbungen erkennen 1 ] Vgl. die Contrasterscheinungen Cap. IX, S. 476 (T. 2) Vgl. Cap. XIV.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2190540x_0001_0539.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)