Blutkrankheiten und Blutdiagnostik : Lehrbuch der klinischen Hämatologie / von Otto Naegeli.
- Otto Nägeli
- Date:
- 1931
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Credit: Blutkrankheiten und Blutdiagnostik : Lehrbuch der klinischen Hämatologie / von Otto Naegeli. Source: Wellcome Collection.
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![3. Von der Zahl der R. Wenn sehr viele Rote da sind, so ist die abstoßende Kraft zwischen den Zellen gesteigert und die Senkung verzögert. Dazu tritt noch, daß bei sehr hoher R.-Zahl wenig Plasma vorhanden ist. Polycythämie R. 6,3, Hb. 130, 7] = 11,6 Gesamt-R.-Volumen 74°/0, Plasmavolumen 26°/0. Globulinwert 52; Senkung 0,1,5; später 0,1,4. Aus den ganz gleichen Gründen muß mit Abnahme der R.-Zahl eine Be¬ schleunigung der Senkung eintreten. Man darf diese Faktoren in keiner Weise bei der Beurteilung vernach¬ lässigen. 4. Vom Hb.-Gehalt der Zellen. R. mit guter Hb.-Ausstattung sind schwerer und sinken daher leichter. 5. Von der Kleinheit der Zellen. Eine große Zahl kleiner Zellen wirkt sich wenig aus, weil, wie oben erwähnt, die Senkung mit dem Quadrat des Radius proportioneil geht. Kleine Zellen verzögern also die Senkung. 6. Von der Form der Zellen. Kugelzellen, auch wenn sie klein sind, wie bei der Kugelzellenanämie (konstitutionelle hämolytische Anämie) bieten andere Verhältnisse als scheibenförmige Zellen. Sie sind schwerer und sinken rascher. 7. Von der Viscosität des Plasmas, die von Globulinen und Albuminen beherrscht wird. Es spielt also das gleiche Moment wie sub 1 eine Rolle. 8. Von der Acidose. Stärkere Acidose verlangsamt die Senkung wegen Änderung der elektrischen Ladung der R. Auch Kohlensäure wirkt sich in dieser Weise aus, daher bei Cyanose wegen C02-Zunahme und wegen R-Zunahme geringere Senkung. 9. Vom Cholesteringehalt. Zunahme bewirkt Beschleunigung der Senkung. Man sieht aus dieser Übersicht, daß die Faktoren sich kombinieren, aber in ihrer Wirkung auch gegenseitig abschwächen können. Bei Tuberkulose ändern in der großen Mehrzahl aller Erkrankungen nur die Faktoren 1 und 6, die unter sich identisch sind. Alles andere bleibt gewöhnlich gleich. Anämie mit ihrem Einfluß auf die Senkung ist bei Tuber¬ kulose selten. Man kann begreifen, daß gerade bei der Tuberkulose die Senkung große Zuverlässigkeit in ihren Resultaten gibt; denn die Prognose ist weit¬ gehend parallel der Anwesenheit von grobdispersen Eiweißkörpern. Wenn jetzt in schweren Fällen von Tuberkulose eine Anämie auf tritt, so habe ich durch Arbeiten aus meiner Klinik gezeigt, daß alsdann stärkere exsudative Prozesse, oder Darmtuberkulose die Ursache sind, also wiederum prognostisch sehr ungünstige Vorgänge, und wenn jetzt die Senkung wegen dieser Anämie gesteigert ist, so wirken sich die prognostisch ungünstigen Momente durch die Anämie in der gleichen Richtung einer vermehrten Senkung aus. Die Zunahme der grobdispersen Eiweißkörper entspricht einer Reaktion des Organismus auf schwere Störungen, nicht aber etwa, wie man es vielfach liest, entspricht sie einem Gewebszerfall. Daher sehen wir auch ohne jeden Gewebszerfall bei Miliaris und Polyarthritis außerordentliche Steigerungen. Nicht selten wird agonal auffällig plötzlich die stark gesteigerte Senkung- geringgradiger, und zwar ganz besonders bei Tuberkulose. Die Gründe dafür sind verschiedene. Es sinkt vielfach die Produktion der Eiweißkörper zum Teil wegen Leberinsuffizienz, und zwar ganz besonders die Produktion der grob- dispersen Eiweißkörper. Es tritt ferner öfters eine gewisse Acidosis ein, oder eine relative Polyglobulie hinzu, und alle diese Faktoren vermindern die Senkung. Dieses Beispiel zeigt aufs deutlichste wie man den Senkungswert prognostisch und natürlich auch diagnostisch nicht als nackte Zahl behandeln darf. Bei der Tuberkulose sind nun diese neuen Momente relativ leicht schon klinisch zu erkennen. Sie beeinträchtigen hier den Wert der Senkungsreaktion nicht; aber es gibt zahlreiche andere Krankheiten, bei denen die Verhältnisse](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29928813_0110.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)