Volume 1
J. von Mering's Lehrbuch der inneren Medizin / bearbeitet von G. v. Bergmann [and others] ; herausgegeben von L. Krehl.
- Joseph von Mering
- Date:
- 1925
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Credit: J. von Mering's Lehrbuch der inneren Medizin / bearbeitet von G. v. Bergmann [and others] ; herausgegeben von L. Krehl. Source: Wellcome Collection.
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![unter der Wirkung eines Antigens führt Sahli auf den überreich¬ lichen Ersatz der im Blut bei den Immunisierungsreaktionen ver¬ brauchten Stoffe durch die Körperzellen zurück. Sicher mit Recht betont Schottmüller endlich die Bedeutung der roten Blutkörperchen. Auch von ihrer Zahl und ihrer Beschaffen¬ heit scheinen die Bakteriziden Eigenschaften des Blutes weitgehend ab- zuhän gen. Die Mitwirkung der von Emmerich und Loew bei dem Bacillus pyocyaneus, von Kutscher in der Hefe entdeckten eiweißlösenden, vielleicht trypsinähnlichen Fermente (für den Bac. pyocyaneus als Pyocyanase bezeichnet}’ bei der Ent¬ stehung der Immunität ist zweifelhaft. Sicher vermögen sie abgetötete Mikro¬ organismen aufzulösen. Vielleicht spielen ähnliche Stoffe auch bei der Einwirkung der Bakterien auf die Zellen eine Rolle. Die Forschungen der letzten Jahre haben auch die Entstehung der Disposition zu einer Infektion dem Verständnis näher gerückt. Über¬ raschenderweise können ähnliche Vorgänge wie bei der Immunität die äußerlich entgegengesetzte Wirkung, die vermehrte Empfänglichkeit, die Überempfindlichkeit gegen eine bakterielle Giftwirkung, vermitteln. Schon 1891 wies Behring auf eine örtliche Überempfindlichkeit bei immunisierten Tieren hin. Seit den Feststellungen Richets (1902) und Arthus’ ist be¬ kannt, daß Tiere 10—12 Tage nach der an sich harmlosen Einspritzung irgendeines artfremden Eiweißes überempfindlich gegen diese Eiweißart werden und lange Zeit bleiben. Gelangt das artfremde Eiweiß bei einer Einspritzung durch intravenöse Applikation sofort in das Blut, können die Tiere akut zugrunde gehen. Erfolgt die Aufnahme wie bei subkutaner Einverleibung allmählicher, sind die Erscheinungen weniger bedrohlich. Die Einverleibung in den Magen-Darmkanal hat keine derartigen Folgen. Nach Richet bezeichnet man diese Überempfindlichkeit als Schutzlosigkeit, als Anaphylaxie. Zu ihrer Erklärung kann man sich folgende Vorstellung bilden. Die Ein¬ spritzung des artfremden Eiweißes läßt spezifische Ambozeptoren (s. oben) in das Blut übertreten. Sind sie nach einiger Zeit in genügender Zahl vorhanden, und ge¬ langt nun dasselbe artfremde Eiweiß wieder in die Blutbahn, so binden diese Ambozeptoren das Eiweiß an das stets vorhandene nicht spezifische Komplement. Das artfremde Eiweiß wird außerordentlich rasch abgebaut, viel rascher als bei dem nicht vorbehandelten Tiere, das solche Ambozeptoren nicht im Blute hat. Es entsteht ein giftig wirkender Stoff, das Anaphylatoxin (Friedberger); er ruft die Krankheitserscheinungen hervor. Durch Verimpfung des Serums eines ana¬ phylaktischen Tieres auf ein Tier der gleichen Art kann man auch dieses über¬ empfindlich machen (passive Anaphylaxie [Otto, Friedemann]). Durch entsprechende Dosierung der weiteren Einspritzung kann man ein Tier vor dem Erkranken schützen (Antianaphylaxie). Sahli erklärt die Erscheinung durch das gegen die Norm vermehrte Auftreten schädlich wirkender Verbindungen zwischen ein geführtem Eiweiß und Blutkolloiden. Die nahen Beziehungen der Anaphylaxie zur Immunität liegen auf der Hand. Es ist vor allem eine Frage der Dosierung bei der Einwirkung artfremder Stoffe, ob die Empfindlichkeit herabgesetzt oder gesteigert wird. Man kann mit Wolff- Eisner die Überempfindlichkeit gegen bakterielle Wirkungen unter dem Gesichts¬ winkel der Anaphylaxie gegen artfremdes Eiweiß betrachten. Auf das nachdrück¬ lichste muß aber betont werden, daß wir heute noch nicht in der Lage sind, auf Grund der bisherigen Feststellungen über Anaphylaxie bereits mit Sicherheit die einzelnen Symptome, z.B. das Fieber, in ihrer Entstehung anders als bisher zu deuten. Als sichere Anaphylaxieerscheinung sprechen wir auf dem Gebiete der akuten Infektionskrankheiten seit v. Pirquet die Serumkrankheit (s. bei Diphtherie) an. Bei der Behandlung der akuten Infektionskrankheiten suchen wir den Körper in seinen Abwehrbestrebungen zu unterstützen. Wir bemühen uns, durch Bettruhe, vor allem durch eine dem Zustande des Verdauungstraktus angepaßte, genügende Kalorien (pro Kilo Körpergewicht bei Erwachsenen durchschnittlich mindestens 35, bei Kindern mehr, bis zu 100 bei Säuglingen) enthaltende Nahrung, durch ausreichendes Getränk den Kräftezustand](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b31360002_0001_0028.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


