Volume 1
Reallexikon der Vorgeschichte : unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter / herausgegeben von Max Ebert.
- Max Ebert
- Date:
- 1924-32
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Credit: Reallexikon der Vorgeschichte : unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter / herausgegeben von Max Ebert. Source: Wellcome Collection.
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![Im einzelnen sind folgende Architektur¬ typen zu erwähnen: § 3. Das Privathaus (Tf. 92) hat einen viereckigen Zentralhof, um den sich eine Reihe von Gemächern als Breiträume zu ihm gruppieren, die ihre Ausgänge nach dem Hofe haben und auch untereinander verbunden sind. Bei größeren Häusern sind auch noch weitere Zimmer vorhanden (B. Meissner Babylonien und Assyrien I [1920] Abb. 100-103 Tf.-Abb. 154; R. Koldewey Wieder erstehendes Babylon Abb. 155). Der Palast stellt sich als Kom¬ plex von mehreren großen Privathäusern dar (Tf. 93-—94). Von den Höfen führen Korridore ab, an denen Gemächer liegen. Charakteristisch ist ein großer Ehrenhof hinter dem eigentl. Schlossportal und ein andrer großer Hof im hinteren Palast¬ teile mit dem Thronsaale, von wel¬ chem Hof durch einen großen Korridor oder unmittelbar durch ein Tor der Weg direkt ins Freie führt (Jordan Abb. 2—5; Koldewey a. a. 0. Abb. 44). Den assyr. Palästen sind Tempel einverleibt, zum Hofe gehörig, während sie in Babylon öffentlich außerhalb des Palastes stehen. Seit Tiglatpilesar III. verwendeten die Assyrer einen neuen Bautypus bei ihren Palästen, der im Hettiterlande, damals Syrien-Palästina, zu Hause war und „Bit Hilani“ hieß (Tf. 96). Es war das „Flügel¬ türenhaus“, mit Löwenkolossen und Säulen geschmückt, und befand sich am Tore. Man sieht darin besondere Gebäude, wie der Einzelbau im W des Sargonspalastes von Chorsabad. Richtiger ist wohl die Ansicht Meissners (Babyl. u. Assyr. I 295), wonach es sich nur um die säulengeschmück¬ ten Torfassaden der assyr. Paläste handelt, die erst im 8. Jh. aufkommen. § 4. Die Stadtmauern wurden mit besonderer Sorgfalt erbaut, in früherer Zeit begnügte man sich mit einer Mauer, später vermehrte man sie, am stärksten dürfte die Mauer Babylons am Palaste sein, wo sie eine sechsfache Mauerreihe hat (I'f.95). Die zinnentragenden Mauern werden von vorspringenden Türmen unterbrochen. Diese haben ein vorgebautes erhöhtes Stockwerk, das aus Holzwerk war. Über die assyr. Festungsmauer ist alles Nötige durch Ausgrabungen in Assur bekannt: WVDOG 23 [1913] W. Andrae; AO 1, 4 A. Billerbeck. S. Festung D. § 5. Die Tempel bestehen im allg. aus zwei Teilen, dem eigentlichen Tempel¬ gebäude und dem Tempelturm mit dem Hochtempel, gelegentlich in enger Ver¬ bindung mit jenem, meistenteils aber ab¬ seits in einem eigenen Peribolos gelegen. Der babyl. Tempel unterscheidet sich vom assyr. durch die Behandlung des Kultraums als Breitraum bzw. als Lang¬ raum. Der babyl. Tempel, der bisher nur aus Nebukadnezars Zeit durch Kol- deweys Grabungen in Babylon bekannt ist (Tf. 93, 94, 98), hatte ein Vestibül, das in einen viereckigen Hof führte. Der Hauptein¬ gang ging gewöhnlich nicht in der Achse des eigentlichen Tempelportals, sondern hielt auf einen der Türme zu, die dieses flan¬ kierten, und wo Standarten mit Götter¬ emblemen standen. Der Tempel selbst besaß hinter dem Portal einen Breitraum, dahinter den Breitraum der Zella mit dem Postament in flacher Wandnische, dem Eingang gegenüber. Endlich einen Neben- raum der Zella zum Abstellen der Kult¬ geräte und Weihgegenstände. Außen um die Zelle herum war ferner ein schmaler Umgang, der wohl zur Bewachung und zum Schutze der Schätze diente. § 6. Der assyr. Tempel ist durch Andraes Ausgrabungen in Assur schon für die ältesten Zeiten erschlossen. In seinen Grundelementen ist er wie der babyl. Tempel gestaltet. Jedoch ist der eigentl. Kultraum als Langraum behandelt und eine besondere kleine Zella am Ende des Raumes angefügt. In ältester Zeit, bei den Ischtartempeln und wohl auch beim Assurtempel selbst (WVDOG 23 Tf. i; WVDOG 39 Tf. 4) ist der Kult¬ raum zwar auch wie ein Breitraum an¬ gelegt, wird aber zum Langraum dadurch, daß die Eingangstür in der Langseite mehr oder weniger nach der Schmalseite zu verschoben ist, die der Zellawand gegenübergelegen ist. Erst im 9. Jh. wird der Langraum vollkommen durchgebildet durch Verlegung des Eingangs an die Schmalseite des Kultraums selbst. Das ist der stehende assyr. Tempeltypus bis zuletzt, beim Anu-Adadtempel (Tf, 99a; WVDOG IO Tf. 5), bei den drei Tempeln von Dur-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29931125_0001_0514.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)