Medecinisches aus der altfranzosischen Dichtung / von Oscar Kühn.
- Oscar C. Kuehn
- Date:
- 1904
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Credit: Medecinisches aus der altfranzosischen Dichtung / von Oscar Kühn. Source: Wellcome Collection.
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![durch Heilige ausgeführte, übernatürliche Heilungen bilden natur- gemäß die zahlreichen altfranzösischen „myst^res und „miracles, deren Hauptzweck ja darin besteht, die große Macht und die Wundertätigkeit Gottes und der Heiligen den Gläubigen vor Augen zu führen. (Vgl., darüber S. 8 u. 12 ff.) So werden in den „mir. de S. Genev. die von den verschiedensten Krankheiten geplagten Leute durch die heilige Genoveva, welche zu Christus betet, mit einem Schlage gesund.^) Voraussetzung bei allen derartigen übermenschlichen Heilungen ist jedoch, daß die Kranken recht- gläubige Christen sind, die von der Allmacht Gottes fest überzeugt sind; auch müssen sie zumeist vorher eine Generalbeichte aller ihrer Sünden ablegen. Für solche Kranke, die noch Heiden sind, ist es natürlich Bedingung, daß sie zum Christentume übertreten, da sonst eine Heilung durch Gott und die Heiligen nicht möglich ist. — Statt der plötzlichen Gesundung der Kranken, die, wie in den „mir. de S. Genev., sofort auf das Gebet der heiligen Personen erfolgt, finden wir in manchen Mirakelspielen eine umständliche Beschreibung der Heilung [vgl. die Aussatzheilung durch Maria in der Mirakeldichtung: ,,de Nostre-Dame qui gari un moine de son let (vgl. S. 88), sowie ihre Hilfe bei den Entbindungen auf S. 89]. So sendet in dem miracle „de l'empereris de Romme Gott selbst die Maria zur frommen Kaiserin von Rom mit der Weisung, ihr Kräuter zu überbringen, durch deren Hilfe sie alle Aussätzigen gesund machen könne. Freilich ist die Heilung nur dann möglich, wenn die Kranken alle ihre Sünden bekannt haben. 2) Wirklich gelingt es der Kaiserin, einen aussätzigen Grafen, der schon so krank ist, daß niemand in seiner Nähe sein will, 3) durch diesen Kräutertrank gesund zu machen, nachdem er eine Beichte seiner Sünden abgelegt hat.*) Bei seinem ebenfalls aussätzigen Bruder jedoch wirkt der Trank zuerst nicht, weil er seine Hauptsünde in der Beichte verschwiegen hat; ja, seine Krankheit wird sogar noch schlimmer.5) Erst dann, als er auch diese Sünde bekannt hat, wird er ebenfalls gesund.) —Waren diese Heilungen durch eine HeiUge aller- 1) Jub, myst., I, les mir. de S. Genev., S. 290 f. 2) Mir. de N. D., IV, miracle de Tempereris de Romme, S. 282, V. i2U ff 3) ib., S. 292, V. 150911. 4) ib., S. 29^, V. 1577 ff- 5) ib., S. 305, V. 1895 fF. ß) ib., S. 308, V. 1981 ff.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22651408_0101.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)