Medecinisches aus der altfranzosischen Dichtung / von Oscar Kühn.
- Oscar C. Kuehn
- Date:
- 1904
Licence: In copyright
Credit: Medecinisches aus der altfranzosischen Dichtung / von Oscar Kühn. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by Royal College of Physicians, London. The original may be consulted at Royal College of Physicians, London.
146/162 (page 136)
![Lubias bitten, aus ihren Mitteln ein Hospital draußen vor der Stadt Blaivies für ihn zu errichten und ihm den Abfall von ihrem Tische zukommen zu lassen. Lubias erfüllt seine Bitte und läßt ein altes Haus vor der Stadt zu seinem Aufenthalte herrichten.*) In feierlicher Prozession wird Ami an seinen Verbannungsort ge- bracht,^) dann aber kehren alle Leute sofort in die Stadt zurück.*) — Mitunter kam es auch vor, daß man sich aus irgend welchem Grunde aussätzig stellte. Wie wir bereits sahen, tut dies Tristan, um Ysolde sprechen zu können. Er erreicht seinen Zweck da- durch, daß er die äußere Erscheinung der Leprakranken nachahmt, d. h. er zieht sich die Kleider derselben an und nimmt einen Napf aus Maserholz^) und eine Krücke in die Hand, wie ihm das Yseut genau vorschreibt.^) Während er aber in dieser Version des Romans das Aussehen eines Leprakranken durch bloße Verkleidung herbeizuführen weiß, ist er in einer anderen Version sogar imstande, durch ein Kraut das Gesicht anschwellen zu lassen und Hände und Füße zu verändern, so daß dadurch die Täuschung, wie ein Aus- sätziger auszusehen, vollkommener ist.'') — Da der Aussatz in der 1) Am. et Ami]., V. 2177 ff, 2) ib., V. 2221 ff. 3) Auf welche Weise der aussätzige Graf in sein Hospital gelangt, wird hier nicht besonders gesagt; wahrscheinlich doch wohl zu Fuß. Später, als er daraus vertrieben wird, reitet er nach Rom auf einem Maultiere, das von seinen beiden getreuen Dienern sanft am Zügel geführt wird (Am. et Amil., V. 2446 f.; 2473 f.). Vgl. S. 76. In derselben Weise zieht er dann nach dem Tode des Papstes Yzore von Rom fort; als er aber durch das lange Reiten wund geworden ist, wird er von den Dienern in einen Karren auf frische Kräuter und Binsen gebettet, der von dem Maultiere gezogen wird (ib., V. 2592 ff.) Vgl S. 76. Als man schließlich aus Not diis Maultier verkaufen muß, spannt sich der eine Diener selbst vor den Karren, während der andere hinten stößt (ib., V. 2620 ff.) A. Schultz, a. a. O., I, S. 528 nennt dieses Gefährt einen „Rollstuhl, was aber, wie man sieht, zu den geschilderten Verhältnissen nicht stimmt. — Über die Zeremoi\ien, die bei der Erklärung der Aussätzigkeit eines Menschen vorgenommen wurden, vgl. Haeser, a. a. O., III, S. 84. 4) Am. et Amil., V. 2224 ff. 5) Über derartige Maserholzbecher vgl. A. Schultz, a. a. O., I, S. 578 f 6) Trist., I, S. 158. 7) ib., II, S. 24f. — Ähnhch, wie hier Tristan, weiß in dem mittel- hochdeutschen Gedichte „Frauendienst Ulrich von Lichtenstein durch eine Droge die Merkmale des Aussatzes an sich hervorzubringen. Ebenso zieht er sich Bettlerkleider an und nimmt einen hölzernen Napf in die Hand. Vgl. darüber A. Schultz, a. a O., I, S. 528.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22651408_0146.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)