Über die Katatonie : ein Beitrag zur klinischen Psychiatrie / von Clemens Neisser.
- Clemens Neisser
- Date:
- 1887
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Credit: Über die Katatonie : ein Beitrag zur klinischen Psychiatrie / von Clemens Neisser. Source: Wellcome Collection.
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![Aus dem am 14. Februar d. J. notirten Status praesens sei Folgendes mit- getheilt: Patientin ist eine zartgebaute, dürftig genährte Person mit gelblich fahler Hautfarbe. Handrücken und Füsse leicht ödematös geschwollen. Eine eingehende Besichtigung des Körpers ist absolut unmöglich, da Patientin sich auf das allerheftigste dagegen sträubt. Wie jede Procedur, die mit der Kranken vorgenommen werden soll, stiessen auch die Versuche, sie zu baden, auf so be- deutenden Widerstand, dass davon Abstand genommen werden musste. Der Gesichtsausdruck ist verstört, die Züge angstvoll verzerrt, aber in dieser physio- gnomischen Verfassung unveränderlich fixirt und völlig starr. Der Blick gläsern ins Leere gerichtet. Die Hände werden krampfhaft gegen die Wangen gepresst, ; wobei die im Ellenbogengelenk flectirten Arme nur mit einem grossen Aufwande von Kraft gestreckt werden können. Sehr auffallend sind ununterbrochene pagodenartige, wiegende Bewegungen des Rumpfes nach vorn und hinten. Als letzterer an den Schultern festgehalten wird, setzt die Kranke die Beuge- bewegungen mit dem Kopfe fort, und als dieser fixirt wird, hebt sie in gleichem Tempo die gefalteten Hände auf und nieder, ohne sich durch Zureden auch nur einen Moment in ihren Bewegungsstereotypen unterbrechen zu lassen. — Die Kranke reagiert überhaupt auf keinerlei Ansprache und bietet bis auf die schon ' beschriebenen gleichförmigen unausgesetzten Bewegungen ein absolut starres, in ^ sich versunkenes Verhalten. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sie namentlich deutlich in den ersten Tagen ihres Hierseins andauernd dieselben Worte gelispelt ^ hat, und zwar waren es stundenlang die Worte: „ich muss zu Hause, ich muss : zu Hause“ abwechselnd mit ,geben Sie mir die Sachen, geben Sie mir die Sachen“. Am Abende, wo der obige Status praesens aufgenommen wurde, hörte man ununterbrochen; „erbarme Dich, erbarme Dich“, wobei sie jedes „erbarme Dich“ mit einer Vor- und Rückwärtsbeugung des Rumpfes taktmässig begleitete. Das Kraiikheitsbild ist bisher durch 27^ Monate völlig unverändert. Sie spricht kein Wort, verweilt starr an einer und derselben Stelle, sich beständig hin- und herwiegend, reagirt durchaus auf keine äussere Einwirkung, ausser in negativistischem Sinne: so rückt sie langsam und unter beständigen rhythmischen Schaukelbewegungen auf den ursprünglichen Platz zurück, wenn sie etwa von demselben weggezogen worden war. Sie hat sich mehrfach grob verunreinigt, mitunter die Nahrung verweigert, in der Regel lässt sie sich dieselbe jedoch reichen oder isst dieselbe, wenn sie ihr hingestellt wird und man sie sich selbst überlässt; Schlaf erfolgt nach Chloral (1 g combinirt mit 0,01 g Morphium). Der vorstehend skizzirte Krankheitsfall giebt einen weiteren | Beleg dafür, dass sich in der Regel der Zustand der Attonität durch ein oder zwei Vorstadien hindurch einleitet, und ferner dafür, dass ] mit der traditionellen Beschreibungsweise der sogenannten Melancholia attonita als einer einfachen Steigerung des Zustandes der einfachen Melancholie das Wesen der Sache — auch selbst nur empirisch- klinisch — sehr wenig gekennzeichnet ist. VI. Fall. Thomas Hanyssek, 35 Jahre alt, Grubenarbeiter aus Brinitz, Kreis Kattowitz. Der an amnestische Bericht des Kreisphysikus vom 2. No- vember 1885 lautet: Hereditäre Belastung ist ausgeschlossen. Ebensowenig kann in der Er- ziehung ein ursächliches Moment zur geistigen Erkrankung gefunden werden. Patient hat sich normal entwickelt, ist Soldat gewesen und bis zu seiner Er- krankung fleissig und arbeitstüclitig gewesen. Nur hat er sich öfters, besonders](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22300508_0040.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


