Über die Katatonie : ein Beitrag zur klinischen Psychiatrie / von Clemens Neisser.
- Clemens Neisser
- Date:
- 1887
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Credit: Über die Katatonie : ein Beitrag zur klinischen Psychiatrie / von Clemens Neisser. Source: Wellcome Collection.
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![Hochmuth als diese expansive Stimmungsfarbe zu bemerken, bei der ' Vesania typica eine allgemeine sensuelle Heiterkeit. Bei anderen maniakalischen Zuständen eine jocose Laune, eine Lust am Närri- schen u. s. w., wenn schon mit dieser Unterscheidung von expansiven Stimmungsfarben nicht specifische, durchaus immer zutreffende Cha- J raktere aufgestellt werden können.“ I Diese für die Katatonie eigenthümliche pathetische Stimmung 1 äussert sich in verschiedener Weise. In einigen Fällen declamiren und predigen die Kranken, und wenn, was oft, aber keineswegs immer der Fall ist, der Inhalt der Aeusserungen ein religiöser ist, so erscheint das aufgewendete Pathos wenigstens einigermaassen gerechtfertigt, ob- wohl die Erscheinung auch in diesen Fällen etwas eigenthümlich Triebartiges an sich trägt (auch Tigges [1. c.] spricht von „zwangs- mässigem Beten und Predigen“). In anderen Fällen aber werden die nichtigsten Dinge im hochgeschraubtesten Ausdrucke vorgetragen oder „es zeigte sich überhaupt eine der speciellen Lebenslage nicht ent- sprechende Vorliebe, über hochernste Dinge zu sprechen“. Immerhin ist — und darauf kommt es für uns hierbei an — das Pathos, zu dessen Begriff und Wesen doch das lange nachdrückliche Verweilen bei jedem Worte und Gedankenmoment gehört, eine Erscheinung, die sich sehr wohl mit dem übrigen starren Verhalten der Katatoniker vereinigen lässt. Auch Pritsch (1. c.) führt dasselbe als eine Tbeil- erscheinung „dieser Affection des gesammten Nervensystems im Sinne des Gebundenseins“ an. Im Uebrigen ist auch in dem maniakahschen Stadium der Kata- tonie die Neigung zu Negationen hervorzuheben. „Während die Manie anderer psychischer Krankheitsformen sich nicht nur durch die Fülle ihrer Willenserklärungen und Handlungen auszeichnet, sondern auch durch eine sehr hervortretende Leichtwilligkeit und grosse Veränderlichkeit im Wollen und Handeln, finden wir bei der Katatonie eine sehr bemerkenswerthe Monotonie des mania- kalischen Handelns und bei aller Gewaltthätigkeit und Fülle des Agirens ein Hervortreten von negativen Willenserklärungen und ne- gativen Gewohnheitshandlungen“ ^). Eine sehr anschauliche Schilde- rung der katatonischen Manie finden wir bei Brosius ^); auch er hebt die Gleichmässigkeit des Handelns des Katatonicus im Gegensatz zu j dem typischen Maniacus hervor: „Alle Tage, vielleicht während einer i gewissen Zeit der Agitation, findet man den Katatoniker unter seinem | Bette liegen, in derselben Lage, stundenlang, auf Mund und Nase; ; in demselben Tempo, in derselben Richtung sieht man ihn im Zimmer Kahlbaum 1. c. p. 46. Brosius 1. c. p. 782 ff.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22300508_0066.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)