Die klinisch-diagnostischen Gesichtspunkte der Psychopathologie / von K. Kahlbaum.
- Karl Ludwig Kahlbaum
- Date:
- [1878?]
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Credit: Die klinisch-diagnostischen Gesichtspunkte der Psychopathologie / von K. Kahlbaum. Source: Wellcome Collection.
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![ständig krampfartige Zustände: Spannungs-Totalirresein (Katatonia) 9]. Zuweilen kommt in dem Verlauf dieser Total-Irreseins-Arten die Modi- fication vor, dass die Manie, das Höhenstadium, sehr wenig oder gar nicht ausgeprägt ist und dann das Stadium der Melancholie unmittelbar in das der Verwirrtheit übergeht. Ganz besonders interessant ist die namentlich bei der Vesania typica vorkommende Modifieation, bei welcher nach Ablauf der Melancholie und Manie einige Zeit scheinbarer Gesund- heit folgt und dann wieder Melancholie und Manie auftreten, die nun erst, oder auch erst nach nochmaliger durch ein Zwischenstadium geistiger Gesundheit getrennter Wiederholung in Verwirrtheit und endlichen Blöd- sinn übergehen. (Reduplicirtes typisches Totalirresein, oder wie es gewöhnlich genannt wird. Circulares Irresein). [Siehe pag. 1134). Eine ferner sehr bedeutungsvolle und zwar von Alters her bekannte, aber je länger je mehr in der klinischen Beurtheilung an Wichtigkeit ge- winnende Tliatsaehe wird durch die häufig sich darbietende Beobachtung constatirt, dass Geisteskrankheiten zuweilen aus somatischen Krank- heiten hervorgehen und dann nur ein ihnen untergeordnetes Element sind10). Hierher gehört schon das sogenaunte Fieber delirium und das Intoxicationsdelirium wie es z. B. im Alkoholrausch oder in der Narcose auftritt. Ganz besonders interessant aber sind Fälle, wo ein Ausbruch von Seelenstörung vollständig an die Stelle einer in ihrem Verlauf noch nicht beendigten Krankheit tritt. So beobachtet man in Malariagegenden zuweilen Fälle, wo nach einigen Intermittensparoxys- men plötzlich statt eines solchen Fieberparoxysmus ein kurzer maniakali- scher Anfall ohne fieberhafte Pulsfrequenz auftritt, sich in demselben Rhythmus wiederholt, wie die gewöhnlichen Fieberparoxysmen, und end- lich durch Chiningebrauch ebenso prompt coupirt wird, wie andere Ma- lariafälle11). In solchen Fällen ist die Seelenstörung offenbar ganz anderer Diese Krankheitsart ist von mir 1874 (1. Heft der klinischen Abhandlungen über psychische Krankheiten. Berlin) beschrieben und durch zahlreiche Krankengeschichten illustrirt worden. i°) Diese pathogenetisch secundären Psychosen sind namentlich in England häufig Gegenstand der Bearbeitung gewesen und haben die Psychiater Skae und Clou- ston fast alles Vorkommen von psychischen Krankheiten auf die Metamorphose aus somatischen Krankheitsprocessen oder die Erregung durch solche zurückzuführen ge- sucht. Gegenüber den überaus mannichfaltigen, in 33 Krankheitsarten gegliederten, somatisch veranlassten Psychosen nehmen freilich die idiopathischen, bei Skae und Clouston als 34ste, letzte Art aufgeführten Psychopathieen eine sehr dürftige, fast verschwindende Stelle ein (The Morisonian lectures on insanity. Journ. of ment. Science 1873—1815), !1) Ueber diese vicariirende Malaria-Psychose findet sich zuerst eine aus-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24763366_0017.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)