Die klinisch-diagnostischen Gesichtspunkte der Psychopathologie / von K. Kahlbaum.
- Karl Ludwig Kahlbaum
- Date:
- [1878?]
Licence: Public Domain Mark
Credit: Die klinisch-diagnostischen Gesichtspunkte der Psychopathologie / von K. Kahlbaum. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by King’s College London. The original may be consulted at King’s College London.
16/20 page 1142
![Art, als wenn sie nach irgend einem geistigen Insult auftritt, sie ist hier nur der Ausdruck einer vorübergehenden, gewissermassen äusseren Rei- zung des Seelenorgans, nicht eine eigentliche Veränderung desselben selbst. Ein ähnliches vicariirendes Verhältnis wie beim Malaria-Intermit- tens kommt auf dem Boden der rheumatischen Krankheit vor als die sogenannte protrahirte Form der rheumatischen Hirnerkrankung, wie sie Griesinger genannt hat12). Hierher sind ferner die Fälle zu stellen, wo nach einer ganz bestimmten Störung innerhalb der weiblichen Sexualorgan e eine Geisteskrankheit auftritt, die nach Aufhebung jener Störung z. B. einer Gebärmutterknickung sofort verschwindet, aber auch wieder sofort eintritt, sobald jene locale Störung wieder eingetreten ist. Es liegt hier offenbar ein ganz ähnliches oder vielmehr dasselbe Verhält- niss vor, wie bei der sogenannten Reflex-Epilepsie, wo von irgend einem peripherischen Insult allgemeine Convulsionen ausgelöst werden und nach Entfernung der peripherischen Störung, etwa durch Ausschnei- den einer Narbe, das Epilepsieleiden aufhört. Wir werden diese Fälle, wo Psychosen durch eine peripherische Krankheit angeregt worden, daher mit Fug und Recht als Reflexpsychosen von anderen Fällen und Formen zu trennen haben. In jenen Fällen dagegen, bei den Intoxications- Psychosen und ebenso auch bei der Malaria-Psychose und der rheumatischen Affection ist der Ausgang der Cerebralstörung vom Blute, also durch einen circulatorischen Consensus zu erklären. Ein Consensus bald, und bald ein Reflexverhältniss giebt uns dann den Anhalt für das Verständniss jener Fälle von Geisteskrankheit, welche nach Kopfverletzungen und Ohren- oder Augen krau kh eiten auf- treten13). Eine Depression der Tabula vitrea des Schädeldachs z. B. ruft eine Manie hervor, welche nach Elevation des Knochensplitters sofort ver- schwindet und völliger Geistesgesundheit Platz macht. In solchen Fällen ist es nicht sowohl der unmittelbare, durch den Knochensplitter hervor- gebrachte Reiz, welcher die Geistesstörung erzeugt, sondern der Reflex welcher von dieser Stelle auf das ganze Gehirn ausgeht, und die eigent- liche Grundlage der Krankheit ist nicht diese beschränkte Stelle der Ge- hirnoberfläche sondern die über das ganze Gehirn ausgebreitete gesteigerte Reflexempfindlichkeit, die aber an sich noch keine Geisteskrankheit her- fübrliche Beschreibung von Focke 1848 (Ueber typisches [i. e. intermittirendes] Irre- sein. Allg. Ztschr. f. Psych. 1848). 12) Siehe: Griesinger: Ueber die protrahirte Form der rheumatischen Hirnaffection. Arch. f. Heilkunde 1866. 13) In neuester Zeit von v. Kr afft-Ebing (Ueber die durch Gehirnerschütterung und Kopfverletzung hervorgerufenen psychischen Krankheiten. Erlangen 1S68) und Prof. Koppe (Halle) (Ziemssen und Zenker, Deutsches Archiv für klinische Me- dicin XIII. 1874. S. 353 ff.).](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24763366_0018.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


