Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz.
- Hippocrates
- Date:
- 1910
Licence: In copyright
Credit: Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz. Source: Wellcome Collection.
175/200 page 163
![Seite danken des Protagoras größere Präzision verleihen, als er aller Wahrscheinlich- keit nach besessen hat 5 die Umkehrung des Urteils — das Nichtwahrnehmbare ist unwirklich, wo wir eher erwarten: das Unwirkliche ist nicht wahrnehmbar ^ wird schwerlich richtig sein. Allein was will das neben dem einen ent- scheidenden Punkt besagen, daß hier klar und deutlich von der Existenz von Dingen die Rede und der „Mensch“ augenscheinlich nicht individuell, sondern generisch verstanden ist? Es überrascht, nebenbei bemerkt, in dieser offenbar aus einer ungewöhnlich guten Quelle geschöpften Darstellung zwei Ausdrücken zu begegnen, welche auch dem metaphysischen Abschnitt unserer Schrift nicht fremd sind: sldsn und ovaia. ^ Vielleicht glaubt jemand, jenem Dilemma entrinnen zu können, indem 24 er die folgende vermittelnde Deutung vorschlägt: Der Satz gilt der Existenz, aber der Existenz von soundso beschaffenen Dingen, also mittelbar ihrer Be- schaffenheit, wodurch der individualistischen Auslegung die Bahn freigemacht wird. Konkret gesprochen, der eine behauptet (um bei unserem früheren Bei- spiel zu bleiben): Für mich existiert süßer Honig, ein anderer: Für mich existiert bitterer Honig. Es genügt, wie ich meine, diesen allein noch übrig bleibenden Ausweg, dessen unsere Gegner sich bedienen können, streng zu formulieren, um ihn als das zu erkennen, was er ist, als eine leere Ausflucht, Denn nimmermehr hätte, wer solch einen Gedanken ausdrücken wollte, ihn in so wenig angemessene und zutreffende Worte gekleidet. Ein ist eben ein Ding oder etwas als dingartig Aufgefaßtes, jedenfalls nicht die Verbindung eines Subjekts mit einem Prädikat. „Ein Ding existiert“, und: ,,Ein Ding ist so oder so beschaffen“, dies sind zwei grundverschiedene Aussagen, die nur derjenige mit denselben Worten bezeichnen könnte, der nicht verstanden werden oder der seine Hörer und Leser absichtlich irreleiten wollte. ^ Vgl. Aristot. Metaph. I 1, 1053^ 35: HQCoiafOQag d' avdqconöv (prjuL 25 näi’TOJv eiP(XL H8TQOV, üansq av ei t 'ov snL(JTi]p.ova siniov i] tov aiaOavöfiSvov, mit Halbfaß’ Bemerkungen dazu S. 48 f., der unter anderem vollkommen richtig darauf hinweist, daß Aristoteles den Satz hier „durchaus im generellen Sinne nimmt“. Vgl. auch Natorp a. a. 0. 52. ^ Hat Protagoras etwas von dem, was Platon irrtümlich in seinem Homo mensura-Satz zu finden glaubte, anderswo wirklich geäußert? Die Frage klingt absonderlich und müßte jedem anderen als eben Platon gegenüber von vorn- herein verneint werden. Allein der Dichter-Denker hat uns so sehr an Über- raschungen gewöhnt, daß wir auf immer neue gefaßt sein müssen. Er, der mit allem Stofflichen in genialer Freiheit zu schalten und zu spielen liebt, konnte es verschmähen, einer gegnerischen Lehre dort zu begegnen, wo sie für jedermann zu finden war. Ihn mochte der gewagte Versuch reizen, sie dort aufzuspüren, wo noch niemand sie vermutet hatte, den Feind in seinem stärksten, anscheinend uneinnehmbaren Bollwerk anzugreifen und ein viel- berufenes Wort, eben das Feldzeichen, welches den Urheber jener Doktrin zu Kampf und Sieg geführt hatte, durch eine kühne Auslegung und vernichtende Kritik seines altgewohnten Ansehens zu entkleiden. Mit dieser Möglichkeit ist zu rechnen, obgleich es schwerlich jemals gelingen wird, sie zur Gewißheit zu erheben. Man wird ihr mehr oder weniger Gewicht beilegen, je nachdem man die sonstigen mit der platonischen Darstellung übereinstimmenden antiken Berichte bewertet, sie von dieser allein abhängig und aus ihr erklärbar er- achtet oder nicht. Als möglich, ja als wahrscheinlich darf uns, so meine ich, die Annahme gelten, Protagoras habe an irgend einer Stelle seiner meta- physischen Schrift von den sinnlichen Eigenschaften der Dinge gehandelt 11*](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28982915_0175.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


