Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz.
- Hippocrates
- Date:
- 1910
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Credit: Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz. Source: Wellcome Collection.
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![nicht an einem Mangel, sondern an einem Übermaß von Dogmatismus leiden- den Namensträger des Dialogs Protagoras springt in die Augen und ist längst bemerkt worden. Und daß die uns erhaltenen Überreste protagoreischer Weis- heit nur zu diesem und nicht zu jenem Bilde stimmen, wer möchte es be- zweifeln? (Der Satz vom tjiicop Xo^oc hat nur rhetorische Bedeutung, und die Behauptung, daß es in jeder Sache dvo XöfOL avTHisi^evoi nXXrjXoidi gibt, ent- hält nur den für uns ziemich trivialen, aber bedeutsamster Nutzanwendung fähigen Gedanken, daß in betreff jeder Frage ein Pro und ein Contra vor- handen ist. Nur Seneca, Epist. moral, 88, 43, hat den Satz dahin mißver- standen, als ob die zwei Xo^ol einander gleichwertig wären. Dies liegt, wie schon Bernays, Eh. Mus. 7, 467 [= Ges. Abhandl. I 120], einsah, keineswegs im Wortlaut jener durch Eurip., Frg. 189 N^, vortrefflich illustrierten Äußerung [vgl. Isokrat. 10 init.]; und widerlegt wird diese Auffassung dadurch, daß Ar- kesilaos dem ganzen Altertum als der Urheber der von Seneca dem Protagoras beigelegten Lehre galt.) Welch eine wunderliche Vorstellung müßten wir übrigens von Platons Verfahren gewinnen, wenn wir mit Natorp annehmen wollten, er sei in der einen Hälfte des Gespräches ängstlich bemüht gewesen, die wirkliche Erkenntnislehre des Protagoras getreulich wiederzugeben und sorgfältig zu zergliedern, während er in der anderen, dort, wo er von der an- geblichen ,,Geheimlehre“ desselben spricht, seinem übermütigen Humor rück- haltlos die Zügel schießen läßt und den Abderiten mittelst einer völlig freien und durchsichtigen Fiktion* zum Träger von Ansichten macht, die diesem — wie Platon selbst so unverhohlen als möglich andeutet — nicht, wohl aber, wie wir mit Schleiermacher hinzufügen dürfen, dem Aristipp angehörten. Dem von Schleiermacher, Platos Werke II U, S. 127, von Dümmler, Antisthenica, p. 57, und von Natorp, a. a. 0., S. 25, hierüber Gesagten sei im Vorübergehen noch eines beigefügt. Theät. 157° ist in dem Satze: w 8i] adooidi.iaTt av- dqconov re jidsPTai xal Xidov xal sxacnov 'Cojov t6 xal sXöo; — der rein phäno- menalistische Standpunkt der Kyrenaiker so unverkennbar ausgesprochen wie kaum sonst irgendwo. Ein Ding oder Einzelwesen gilt ihnen und nur ihnen als eine Gruppe stets wiederkehrender Vorkommnisse oder Phänomene, ganz ähnlich wie Mill in seinem Buche über Hamilton von „groups of Permanent Possibilities of Sensation“ spricht, Examination of Sir William Hamilton’s philo- sophy”, p. 222 ff. Daß Protagoras diesen Standpunkt eingenommen habe, kann, wenn irgend etwas in der Geschichte der antiken Philosophie, als eine Un- möglichkeit gelten. Nicht nur „natura“, auch philosophia „non facit saltus“. Auf die weitere Frage aber, wie denn Platon dazu gelangen konnte, in Pro- tagoras einen Vorläufer der Kyrenaiker zu erblicken, vermag ich hier nicht näher einzugehen. Der Denker, welcher in erkenntnistheoretischen Fragen den „Menschen“, den subjektiven Erkenntnisfaktor, so bedeutsam in den Vorder- grund gerückt hat, konnte in gewissem Sinne mit gutem Kecht als einer der Ahnherren subjektivistischer und relativistischer Doktrinen gelten. Ja selbst mit den eigentlichen Skeptikern, zu welchen ich die Kyrenaiker nicht rechne, * Dies ist hauptsächlich von Dümmler, Antisthenica, p. 56ff., in ent- scheidender Weise erwiesen worden. Die jetzt von Windelband, Geschichte der Philosophie, Freiburg 1890, S. 70 u. 80) vertretene Ansicht in betreff der vermeintlichen „Wahrnehmungstheorie“ des Protagoras war lange Jahre hindurch auch die meinige. Allein ich habe schließlich erkannt, daß es durch- aus nicht angeht, auch nur diesen Teil des Theätet als ernsthafte geschichtliche Quelle zu betrachten.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28982915_0177.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


