Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz.
- Hippocrates
- Date:
- 1910
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Credit: Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz. Source: Wellcome Collection.
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![Prosakimststils mit einem Wort bezeichnen, so darf dieses viel- leicht dahin lauten, daß das Ganze der Teile noch nicht Herr ge- worden war. Diese Teile: jeder Begriff, jeder Ausdruck, jedes Satz- glied tritt mit einer Kraft und Wucht, einer Frische und Lebendig- keit hervor, welche einer späteren Zeit nicht mehr eigen sein konnte, in welcher das Einzelne einem gewaltigen Kunstbau als architek- tonisches Glied sich einznfügen bestimmt war. Daher hier wie bei Antiphon und Thnkydides jene äußerste „Schärfe im Wortgebranche, jene Neigung, die Wörter in einer ungemein sinnschweren Bedeu- tung“ anzuwenden,^ jenes Streben, jeden Gedanken durch Hinzu- fügung seines Gegensatzes wie das Licht durch den Schatten zu steigern und gleichsam in erhabener Arbeit hervorzutreiben.^ Anders freilich lällt die Yergleichung aus, sobald wir Art und Maß der in An- wendung kommenden Zier- und Ausdrucksmittel (Figuren) gleichwie Tempo und Khythmus der Bede — kurz die Frage der Zugehörig- keit zu einer oder der anderen Stilgattung (im qualitativen, nicht im historischen Sinne — der genera dicendi) ins Auge fassen. Dann heben sich, falls ich nicht irre, von dem Untergrund der gemeinsamen Zeitfarbe tiefgreifende Unterschiede ab. Zunächst aber tut es Not, das Einzelne zu durchmustern — in einläßlicher, wenngleich nicht in erschöpfender Weise. Genügt es doch vorerst, die Hauptzüge des Bildes festzustellen, dessen genauere Ausführung dem Kommentar überlassen bleiben mag.- Wir beginnen mit dem Element der Eede, mit dem Wort. Hier überrascht uns zuvörderst die Tatsache, daß unsere Schrift mehrere Worte enthält, welche die übrigen Denkmäler der griechi- schen Literatur überhaupt nicht oder nur ganz vereinzelt darbieten, wie KaKayy^Xia und aioxQomeiv, während andere in der griechischen Prosa entweder (zum mindesten vor der Kaiserzeit) fast ganz und gar oder doch in der hier beliebten übertragenen Bedeutung unheimisch sind; in die erste dieser Kategorien gehört xä/^iarog, in die letztere ßlaardveiv und ßldGTi]i.ia. Davon ist xdyiaTog darum ungemein vielsagend, weil die nicht immer leicht zu ziehende Grenze zwischen „ionisch“ und „poetisch“ hier durch den Umstand mit Sicherheit gezogen wird, daß der allen Gattungen der Poesie geläufige Aus- druck auch den ionischen Prosawerken und darunter selbst jenen der hippokratischen Sammlung (auch im Sinne von Krankheit!) im übrigen nahezu fremd zu sein scheint.^ Für den metaphorischen Gebrauch von ßlc/Mrdvsiv aber weiß ich aus älterer Sprache nur einen prosaischen Beleg anzuführen, jenes Bruchstück des Prota-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28982915_0020.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


