Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz.
- Hippocrates
- Date:
- 1910
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Credit: Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz. Source: Wellcome Collection.
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![wird mit einer Schärfe und Strenge, wie sonst in jenem Zeitalter nur von Demokritos, als die ansnalimslose Norm alles Geschehens anerkannt und verkündet. Das Verhältnis von Ursache und Wir- kung ist die Grundlage der Voraussicht, wie diese die Grundlage der rationellen Praxis ist. Die Dinge haben feste, sicher begrenzte Eigenschaften. Um verschiedene Wirkungen zu erzielen, müssen verschiedene Ursachen ins Spiel kommen; was in einem Falle nützt, muß in einem sehr verschiedenen oder entgegengesetzten schaden; was durch richtigen Gebrauch sich als heilsam erwies, muß sich durch unrichtigen Gebrauch als verderblich erweisen. Die Begrenzt- heit menschlichen Könnens wird aufs deutlichste erkannt und aufs allereindringlichste betont. Von jeder Maßlosigkeit der Prätensionen in betreff der dem Menschen erreichbaren Naturbeherrschung ist unser Autor ebensoweit entfernt wie von aller fantastischen Willkür in betreff der Naturerklärung und -Erkenntnis. Daß eine Schrift, welche das Evangelium des induktiven Geistes mit so vollendeter Klarheit und mit so unübertroffenem Nachdruck predigt, von den Neueren ganz und gar vernachlässigt und in der Geschichte der Wissenschaft und der Philosophie bisher kaum einer Erwähnung wert gefunden ward, dies darf als eine der befremdlichsten Tatsachen gelten, welche die Literaturgeschichte verzeichnet. Doch ich habe unrecht. Der Text unserer Sophistenrede liegt freilich noch gar sehr im argen und zeugt von dem geringen Anteil, welchen sie den Philologen und den in ihren Spuren wandelnden Historikern ein- geflößt hat. Allein jene Gleichgültigkeit, die uns in Erstaunen setzt, war doch keine ausnahmslose. Ein glänzender Vertreter der letzten großen Aufklärungsepoche, Pierre Jean George Cabanis, hat in seinem Buche „Du Degre de Certitude de la Mödecine^^ der Schrift Tleol Texv7]g, die ihm natürlich als das Werk des großen Hippokrates gilt, die volle, ihr gebührende Ehre erwiesen. An allen Gipfel- punkten seiner Beweisführung berührt er sich nicht nur mit den darin dargelegten Lehren aufs engste, er wird auch nicht müde, • • große Stücke derselben teils in buchstäblicher Übersetzung, teils in freier Wiedergabe anzuführen (man vergleiche p. 65f., 104, 126, wohl auch 109 der Pariser Ausgabe vom Jahre 1803). Und am Schlüsse seines Werkes, wo er die Hauptpunkte seiner Argu- mentation zusammenfaßt, tut er kaum etwas anderes, als daß er die Grundgedanken unserer ihm so wohlbekannten Schrift in wenig veränderter Fassung wiedergibt (p. 160, vgl. auch p. 112f. und 124f.). ^](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28982915_0025.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


