Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz.
- Hippocrates
- Date:
- 1910
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Credit: Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz. Source: Wellcome Collection.
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![ruhen auf gleich sicherer Basis — diese Behauptung war gleichsam der Schweif, der sich an jenen leuchtenden Kern heftete und sein Licht zu einem trügerischen und vielfach verwirrenden machte. Wir täuschen uns wohl nicht, wenn wir den Standpunkt unseres unge- nannten Denkers hiermit einigermaßen enger umschriehen zu haben wähnen. Ihn in völlig klare und unzweideutige Worte zu fassen, wäre wahrscheinlich ein vergebliches Bemühen, schon darum, weil es geläuterte und fest umgrenzte Gedanken einer reiferen Epoche an die Stelle der unsicheren und tastenden Versuche einer früheren Stufe der Geistesentwicklung setzen würde. Der Fortgang unserer Untersuchung nötigt uns, den Wortlaut des soeben erörterten Satzes zu wiederholen und ihm einen Aus- spruch gegenüberzustellen, der ebenso allbekannt und vielberufen ist, wie sein in der ärztlichen Schriftensammlung verborgener Wider- part bisher wenig gekannt und gewürdigt war. Ich meine den so vielfach, ja bis zum Überdruß behandelten, auch in unserer Literatur typisch gewordenen Kernsatz des Sophisten Protagoras, welcher den Menschen zum Maß der Dinge erhoben hat; 'uäXXä rä fji^v hövra aiu ÖQärai T£ Kal yiv(i)GKeTai^ rä Sh kovra ovTs ÖQärai ovre yivcbaKETai. [Hippocrat.] De arte 2. UdvTCOv xQVP^Sctcov ßergov äv~ dgconoQ,, T&v fihv hövrcov, wq ecFzi, Tcov Se fxi] kovTCov, cog ovk ’eariv. Protagoras, Frg. 1 Frei = Frg. 2 Vitringa (= Vorsokratiker 536, 11), Ich nehme keinen Anstand, es als meine seit Jahrzehnten fest- stehende und, wie ich glaube, sicher erweisliche Überzeugung aus- zusprechen, daß die zwei hier nebeneinander gestellten Sätze genau dasselbe besagen. Die rastlose gelehrte Arbeit der jüngsten Ver- gangenheit und der Vorgang trefflicher Forscher, unter welchen ich Peipers, Laas und Halbfaß ^ nicht ungenannt lassen will, erlaubt es mir, diesen Erweis mit einem ungleich geringeren x4.ufwand von Worten und zugleich wohl auch mit größerer Aussicht auf Erfolg zu führen, als dies in der Zeit, welcher jene Wahrnehmung ent- stammt, irgend möglich gewesen wäre. Die Identität der beiden Sätze wird in der Tat von niemandem geleugnet werden, der die nachfolgende gegenwärtig nicht mehr völlig neue Aufstellung zugibt: der Homo mensura-Satz hat ursprünglich und wesentlich generelle, nicht individuelle Bedeutung, und er gilt der Existenz, nicht der Beschaffenheit der Dinge. Um die Eichtigkeit dieser Auslegung zu erkennen, tut nichts anderes not, als daß man den Wortlaut des](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28982915_0034.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


