Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz.
- Hippocrates
- Date:
- 1910
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Credit: Die Apologie der Heilkunst : eine griechische Sophistenrede des fünften vorchristlichen Jahrhunderts / bearb., übers., erläutert und eingeleitet von Theodor Gomperz. Source: Wellcome Collection.
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![Bruchstücks von den in alter und neuer Zeit ihm aufgedrängten Deutungen befreie und es mit derselben unbefangenen Treue aus- zulegen sich bemühe, welche man anderen Überresten der Ver- gangenheit gegenüber anzuwenden längst gewohnt ist. Daß diese Ermahnung den Auslegern unseres vielumstrittenen Bruch- stücks gegenüber nicht völlig überflüssig ist, dies wird wohl die folgende Darlegung sattsam lehren. Wer nämlich die herkömmliche individualistische Deutung desselben aufrecht erhält, der muß notwendig, falls er nicht etwa von dem Wortlaut des Fragmentes überhaupt abzusehen und die von Platon beliebte Verwendung des- selben an seine Stelle zu setzen verzieht,^ einen von zAvei Wegen betreten, welche ich gleichmäßig als Irrwege bezeichnen zu dürfen glaube. Denn der eine von ihnen ist zwar sachlich möglich, aber sprachlich unmöglich, während von dem anderen genau das Um- gekehrte gilt. Wenn — so folgere ich — Protagoras mit jenem Satze das Individuum für das Maß aller Dinge erklären soll, so muß er hierbei entweder an die Beschaffenheit oder an die Existenz der Dinge denken. Die erstere Deutung wäre sachlich nicht unzulässig, da ja die individuellen Verschiedenheiten der sinn- lichen Wahrnehmung in jenem Zeitalter bereits die Aufmerksamkeit der Philosophen auf sich zu lenken begonnen hatten. Allein sie scheitert unbedingt an dem Wörtchen (bg, welches man dann, wie dies z. B. kein Geringerer als Zeller^ tat, mit „wie^^ übersetzen muß — eine Übertragung, gegen welche der Sprachgebrauch des Protagoras, wie er aus dem Götterbruchstück und der darin vor- kommenden genau parallelen Wendung (Ttsoi dsojv ovx dd'evai ovze (hg e.i(jlv ovre cog ovx eIgIv xtL) deutlichst erhellt, eine auf keine Weise zu beseitigende Einsprache erhebt. Nebenbei darf man daran erinnern, daß in jenem Falle das negative Satzglied [tQv Se fi7] 8ÖVTOJV, (hg ovx '^ariv, des Nichtseienden, wie es nicht ist) keinerlei verständlichen Sinn ergibt (man vergleiche auch, neben- bei bemerkt, Xenoph. Anabas. IV, 4, 15: rä övra re (hg ovra xal rä fij] ovra (hg ovx Övrcc).^ Was nun die zweite Auffassung anlangt, so unterliegt sie zunächst einem Einwand, der sie gemeinsam mit der ersten trifft. Denn meines Erachtens konnte niemand, der nicht mit voreingenommenem Sinn an das Fragment heran trat, jemals auf eine Auslegung verfallen, welche unter dem „Menschen“ schlechtweg, zumal dort, wo dieser der Gesamtheit der „Dinge“ gegenübergestellt wird, nicht den Menschen als solchen, sondern ganz im Gegenteil den Einzelnen in seiner Besonderung und in seinem Gegensätze zu](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28982915_0035.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


