Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten : für Studirende und Aerzte / Adolf Strümpell.
- Adolph Strümpell
- Date:
- 1896
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Credit: Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten : für Studirende und Aerzte / Adolf Strümpell. Source: Wellcome Collection.
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![Kranke lernt allmälig immer sicherer gehen, gewinnt von Neuem Ver- trauen auf seine Kraft, und, ist erst ein Anfang zur Besserung gemacht, so gehen die weiteren Fortschritte meist schnell vor sich. Jeder er- fahrene Arzt kennt zahlreiche Beispiele, dass hysterische Lähmungen, die Wochen und Monate lang vorher bestanden hatten, durch eine der- artige Behandlung in wenigen Tagen beseitigt werden konnten. Unter- stützt wird die Kur durch Faradisiren der Muskeln, durch kalte Ab- reibungen und Bäder, wobei gerade das für den Kranken Unangenehme dieser Proceduren ihn antreibt, sich selbst alle mögliche Mühe zur Wiedererlangung der Bewegungsfähigkeit zu geben. Bei den hysterischen Stimmbandlähmungen sind Sprechübungen sehr wohl ausführbar und. wirksam. Ausserdem dient aber hier der elektrische Strom, (äusserlich oder auch intralaryngeal angewandt] als bestes Mittel, um dem durch den plötzlichen Schmerz erschreckten Patienten oft mit einem Male die Stimme wiederzugeben. Dasselbe gilt von allen hysterischen Sprachstörungen und von der hysterischen Stummheit. Bei den hysterischen Contracturen hat man zunächst zu versuchen, durch Massage der Muskeln und energische passive Bewegungen die Con- tractur zu lösen. Der faradische Strom dient auch hier als wirksames Unterstützungsmittel. Um die Contractur dauernd zu beseitigen, müssen methodische Muskelübungen und active Bewegungen angeordnet werden. Die grösste Schwierigkeit hat man zuweilen, die Kranken überhaupt zu den ersten Bewegungsversuchen zu veranlassen. Hier kann nur grosse Ge- duld und Ausdauer, sowie suggestive Unterstützung durch alle möglichen Manipulationen (Galvanisation durch den Kopf u. a.) zum Ziel führen. Grosse Schwierigkeiten macht oft die Behandlung der hysterischen Krampfsustände. In manchen Fällen genügt zwar ein heftiger sen- sibeler Reiz, Anspritzen mit kaltem Wasser oder ein kaltes Bad mit kalten Uebergiessungen, um den Kranken die Willensenergie wieder zu geben, welche nöthig ist, um die Herrschaft über die Muskeln von Neuem zu gewinnen und damit den Krämpfen Einhalt zu thun. Die Furcht vor der Wiederholung des Bades thut das Ihrige, um die Kranken vor einem neuen widerstandslosen Sichgehenlassen gegenüber dem etwa wieder- kehrenden Anfalle zu warnen. Auch der elektrische Strom (starkes Fara- disiren während des Anfalles) kann in ähnlicher Weise günstig wirken. Allein sehr oft schwächt sich die Wirkung derartiger Mittel allmälig ab, die Kranken gewöhnen sich an die kalten Bäder und dieselben bleiben erfolglos. Bei leichteren hysterischen Krampfformen, z.B. bei dem hysterischen Singultus, dem hysterischen Husten u. dgl., wirkt oft schon eine strenge](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2129415x_0611.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


