Anleitung zur qualitativen und quantitativen Analyse des Harns : sowie zur Beurtheilung der Veränderungen dieses Secrets mit besonderer Rücksicht auf die Zwecke des praktischen Arztes zum Gebrauche für Mediciner, Chemiker und Pharmaceuten / von C. Neubauer und Jul. Vogel.
- C. Neubauer
- Date:
- 1890
Licence: Public Domain Mark
Credit: Anleitung zur qualitativen und quantitativen Analyse des Harns : sowie zur Beurtheilung der Veränderungen dieses Secrets mit besonderer Rücksicht auf die Zwecke des praktischen Arztes zum Gebrauche für Mediciner, Chemiker und Pharmaceuten / von C. Neubauer und Jul. Vogel. Source: Wellcome Collection.
662/904 (page 52)
![Nervenvcrletzungen, welche schon nach einer oder wenigen Stunden Zuckerharnen bewirken pflegen, unwirksam, vermuthlich deshalb, weil durch sie alle Unter leibsorgano in intensiver Weise mit Blut gefüllt werden und der Leber die ohne sie allein blutreich wird, der grösste Theil des Blutes entzogen wird Durch Hchueidung des Nervus ischiadicus dürfte durch ßeflexwirkung auf die Lebervaso- motoren Glykosuno bewirken. Das wirksame Moment ist vermuthlich die passive Leberhyperamie, welche auch direkt erzeugt wird, wenn Nadeln in die Leber' ein gestochen werden und ein galvanischer Strom durch sie hindurch geleitet wird — Auch eine Reihe von Arzneimitteln und Giften, welche die Lebervasomotoren lahmen, bewirken bei einzelnen oder mehreren Thiorarten Glykosurie, so Curare Methyldelphinin, Nitrobenzol, Kohlenoxyd, Chlorkohlenstolf, Amylnitrit, Salzsäure' Ihosphorsiiure, Terpentinöl, Sublimat, Morphium, Chloralhydrat, Phloridziu Ferner wirkte Blutverdünnung durch Einspritzung von schwachen Lösungen von Kochsalz kohlen-, essig-, baldrian-, bernstein-, phosphor-, unterschwefligsaurem Natron auch arabischem Gummi in die Venen auf Zuckerausscheidung hin, vielleicht ebenfalls desshalb, weil dadurch eine Circulationsstörung in der Leber erzeugt wird- übrigens ist dieser Diabetes meist nur von sehr kurzer Dauer, mit Aufhören des Reizes mit Wiederherstellung der normalen Circulation hört er ebenfalls auf. Natürlicher- weise kann bei diesen Versuchen die Leber nur dann Zuckerausscheidung veran- lassen, wenn sie ihres Vorraths an Glykogen nicht durch längeres Hungern u. s. w. beraubt ist. — Welcher Antheil beim künstlichen Diabetes den Muskeln zufällt ist experimentell bis jetzt nicht näher erforscht; dass sie bei Rückenmarksdurch- schneidungen, bei intravenösen Injectionen in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, ist selbstverständlich. Dessen, dass direkte Zuckerzufuhr zum Blute Zucker- ausscheidung bewirkt, wurde oben gedacht. Lancereaux hatte bereits vor längerer Zeit behauptet, dass Pankreas- atrophie von Diabetes gefolgt sein könne; indessen hatte man seine Meinung nicht weiter beachtet und geglaubt, dass es sich hier wesentlich um eine Erkrankung des Ganglion solare handeln müsse. Letzterem widersprechen neue Forschungen von V. Mering uudMinkowski (Cbl. f. kl. M. 1889. 23). Nach ihnen tritt bei Hunden Diabetes mellitus nach Exstirpation des Pancreas, auch ohne dass dabei eine Verletzung des Ganglion solare statt hatte, ein; der Diabetes beginnt einige Zeit nach der Operation, und dauert Wochen lang ohne Unterbrechung bis zum Tode an. Ausser Zuckerausscheidung (spontan bis S^/o, bei Zuckereinfuhr bis I3O/0) beobachteten sie Polyurie, grossen Durst, Heisshunger und Abmagerung. Minkowski hält es für möglich, dass die Glykosurie stets als Ausdruck einer Funktionsstörung des Pancreas zu betrachten ist; ähnlich spricht sich Lepine aus. Entsprechend den experimentellen Forschungen spielen laut klinischer Beobachtung bei der Entstehung des Diabetes erstens Affectionen der Nervencentren, und zwar psychische Einflüsse wie anatomische Läsionen, letztere besonders in der Gegend der Medulla oblongata (Entzündmigen, Erschütte- rung und sonstige Traumen, Halswirbelfrakturen [Thorburn, s. Cbl. f. d. m. W. 1889. 29. p. 538], Degenerationen, Geschwülste [Cysticercus im 4. Ventritel — Michael, D. Arch. f. kl. M. 44. Bd.]), auch andere Nervenaffectionen, centralen (Tetanus) wie peripherischen (Sympathicusleiden, Ischias) Ursprungs, sowie sonstige Störungen, durch welche der Diabetes auf reflectorischem Wege hervorgerufen werden dürfte: Erkrankungen und Reizungszustände der männlichen und weib- lichen Genitalien (Blau, Schm. Jbch. 204. Bd.; Peyer, Volkm. Vortr. No. 341), Bauchveiietzungen durch traumatische Veränderungen des Bauchsympathicus (Thomayer, s. Wien. m. Presse 1889. 34), schliesslich auch sonstige Affectionen desselben, die zu Degeneration und Erkrankungen der von ihm vei-sorgten Organe führen (z. B. des Pankreas, s. Pilliet, Progres med. 1889. 21); — zweitens alimentäre Schädlichkeiten, besonders reichlicher Genuss von Zucker- und stärkemehlhaltigen Speisen, ferner alkoholische Getränke (Most, Weissbier, Cider u. s. w.), unter deren Einfluss Verdauungsstörimgen (Leberhyperämie) ent- standen waren, eine wichtige Rolle. Zimmer betont den bestimmenden Einfluss von Ernährungsstörungen der Muskulatur; er erklärt marastische Zu- .sfcände derselben für die wesentliche Ursache des Diabetes. So Altersmarasmus,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20395358_0662.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)