Beiträge zur Pathologie und pathologischen Anatomie des Centralnervensystems : mit Bemerkungen zur normalen Anatomie desselben / von Arnold Pick.
- Arnold Pick
- Date:
- 1898
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Credit: Beiträge zur Pathologie und pathologischen Anatomie des Centralnervensystems : mit Bemerkungen zur normalen Anatomie desselben / von Arnold Pick. Source: Wellcome Collection.
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![Für die Annahme einer motorischen Aphasie wäre auch anzu- führen die gelegentliche Beobachtung von „Affectsprache. Be- achtenswert ist auch das ßecitieren von Gebeten, das bei der Kranken völlig prompt vor sich geht und einmal bis zu fünf Minuten dauerte. Wiederholte Stichproben zeigten, dass die Kranke vom ßecitierten nichts verstand; der Umstand, dass sie fast regelmässig die gleichen Stellen recitierte, dass sie ferner dabei sich in vollkommenem mit ihrem sonstigen Dialekte streng kontrastierenden Hochdeutsch aus- drückte, liefern wohl den sicheren Beweis, dass es sich dabei offenbar um automatische Wiedergabe gedächtnismässig seit Langem er- worbenen Besitzes handelt; das Automatische der Wiedergabe trat uamentlicli auch in der äusserst prägnanten Affectbetonung der ent- sprechenden Sätze und Worte hervor, womit zusammenfiel, dass die Kranke auch beim spontanen Sprechen mit ihrem kargen Wortschatz nach dieser Richtung; hin ganz korrekt hantierte, demnach einen Teil des expressiven Sprachvorganges, auf den neuerlich Brissaud (La Semaiue medicale 1894, No. 43, Aphasie d'intonation) die Aufmerk- namkeit gelenkt, intakt erhalten hat. Der gleiche Anteil des impressiven Sprachvorganges ist dagegen defekt. Drohungen und Anderes bleiben nicht blos hinsichtlich des sprachlichen Eindruckes, sondern auch bezüghch der Betonung ohne Wirkung auf die Kranke, die sie erst erlangen, falls mimisch dem Verständnisse nachgeholfen wurde; dann genügte aber auch schon die Mimik allein, um entsprechende Wirkung zu erzielen. Mit be- kannten Thatsachen stimmt auch überein, dass das Zahlenverständnis sich besser erhalten erwies, als die anderen auf gleicher Basis stehen- den Functionen. Auf die Frage nach der Art der den Erscheinungen zu Grunde liegenden Läsion glaube ich nicht eingehen zu sollen, wegen der, er- sichtlicher Weise, gerade zur Beantwortung dieser Frage unzureichen- den Anamnese. Doch möchte ich auch hier schon der Ansicht Raum geben, dass vielleicht nicht eine grobe Herderkrankung vorliegt, son- dern eine localisierte Atrophie, wie ich sie in den letzten Jahren als Ursache von Herdsymptomen und speciell von Aphasie nachgewiesen. Nicht minder zweckmässig scheint es auch, die Frage der genaueren Localisation bei Seite zu lassen und nur darauf möchte ich hinweisen. schauungen. In dem von JoUjr auf der AViener Naturforscherversamnrlung mit- geteilten Falle fand sieh bei Zerstörung der linken Schlafemvindungen und ge- ringer Eeteiligung der Broca'sehen Stelle neben totaler Worttaubheit völlige dauernde Sprachlosigkeit, welch' letztere Jolly aus der Schläfelappenläsion zu erklären geneigt ist; ich möchte trotzdem die oben im Texte ausgesjjrochene Ansicht auch demgegenüber aufrecht halten. Tergi. dazu auch Mir;il]ie (De l'aphasie sensorielle. These, 18c6, pag. 55 „Aphasie totale), dessen Ansicht gleichfalls mit der hier vertretenen zusammenfällt; Bastian allerdings vertritt (Lumleian Lectures on some problems in connexion witJi aphasia. Sep. Abdr. aus Lancet 1897, pag. 81) einen insofern gegensätzlichen Standpunkt, als er „an aphasic loss of speech gleichfalls dtirch isolierte Erkrankung des linken acustischen Wortcentrums bedingt für möglich erklärt; vergi. auch Qtiensel's bei Flechsig gearbeitete Dissertation (Ein Beitrag zur Auffassung der sensorischen Aphasien 1896) S. 19; ich möchte übrigens hier meiner Ansicht Ausdruck ver- leihen, dass es zru- Lösung dieser Fi'age vor allem neuer klinisch und anatomisch, auch mikroskopisch untersuchter Fälle bedarf.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21294367_0047.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


