Psychopathia sexualis : mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinischforensische Studie / von R.v. Krafft-Ebing.
- Richard von Krafft-Ebing
- Date:
- 1894
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Credit: Psychopathia sexualis : mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinischforensische Studie / von R.v. Krafft-Ebing. Source: Wellcome Collection.
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![der sonnigen Wärme des Stoffes, von dem sie Nahrung ziehen, nicht die tiefen Schatten! Mögen auch die Erzeugnisse der Dicht- kunst aller Zeiten und Völker dem Monographen einer „Psychologie der Liebe unerschöpflichen Stoff bieten, so kann die grosse Auf- gabe doch nur gelöst werden unter Mithilfe der Naturwissenschaft und speciell der Medicin, welche den psychologischen Stoff an seiner anatomisch-physiologischen Quelle erforscht und ihm allseitig ge- recht wird. Vielleicht gelingt es ihr dabei, einen vermittelnden Standpunkt für die philosophische Erkenntniss zu gewinnen, der gleichweit sich entfernt von der trostlosen Weltanschauung der Philosophen, wie Schopenhauer und Hartmann1), und der heiter naiven der Poeten. Die Absicht des Verfassers geht nicht dahin, Bausteine zu einer Psychologie des Sexuallebens beizutragen, obwohl zweifels- ohne wichtige Erkenntnissquellen für die Psychologie aus der Psycho- pathologie sich ergeben dürften. Der Zweck dieser Abhandlung ist die Kenntnissnahme der psychopathologischen Erscheinungen des Sexuallebens und der Versuch ihrer Zurückführung auf gesetzmässige Bedingungen. Diese Auf- gabe ist eine schwierige und trotz vieljähriger Erfahrungen als Psychiater und Gerichtsarzt bin ich mir klar bewusst, nur Unvoll- kommenes bieten zu können. Die Wichtigkeit des Gegenstands für das öffentliche Wohl und speciell für das Forum gebietet gleichwohl, dass er wissen- schaftlich untersucht werde. Nur wer als Gerichtsarzt in der Lage war, über Mitmenschen, deren Leben, Freiheit und Ehre auf dem Spiel stand, sein Urtheil abgeben zu müssen, und sich der Unvoll- kommenheit unserer Kenntnisse auf dem pathologischen Gebiet des Sexuallebens in peinlicher Weise klar wurde, vermag die Bedeu- tung eines Versuchs, zu leitenden Gesichtspunkten zu gelangen, voll zu würdigen. Jedenfalls kommen auf dem Gebiet der sexuellen Delikte noch ]) Hartmann's philosophische Anschauung von der Liebe in „Philo- sophie des Unbewussten, Berlin 1869, p. 583, ist folgende: Die Liebe verur- sacht mehr Schmerz als Lust. Die Lust ist nur illusorisch. Die Vernunft würde gebieten, die Liebe zu meiden, wenn nicht der fatale Geschlechtstrieb wäre — ergo wäre es am besten, wenn man sich castriren liesse. Dieselbe Anschauung minus der Consequenz findet sich schon bei Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstellung, 3. Aufl., Bd. 2, p. 586 u. ff.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21017165_0010.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)