Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud.
- Date:
- 1908
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Credit: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud. Source: Wellcome Collection.
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![Freilich handelt es sich um Gebiete, deren systematische Er- forschung eben in Angritt genommen wurde. Wir betreten hier gewisser- maßen Neuland, in dessen Inneres noch keine Karte einen bequemen Weg weist. Die geradezu gigantische Arbeit eines Freud ist eben nur die Arbeit eines Menschen. Es bedarf aber zur gründlichen Durchforschung dieser Gebiete tausender Arbeiter. Denn die offiziellen Philosophen und Kathederpsychologen, die über die höchsten und tiefsten Erkenntnisse der Menschheit gegrübelt haben, sie haben für uns Ärzte so gut wie gar nichts geleistet. Unsere Philosophie ist die Resultierende aus den un- zähligen kleinen Erfahrungen des Lebens, unsere Psychologie ist die Aufdeckung fundamentaler psychischer Tatsachen, welche uns das Ver- ständnis der gesunden und kranken Psyche ermöglichen. Wir sind Praktiker in des Wortes wahrster Bedeutung. Alle Theorie würde sich auf unsere Bestrebungen wie ein Reif legen und die junge Saat ver- nichten . . . Und nun zu unserem Thema! Was haben wir bisher von der Angst gewußt? Sie galt als ein Unlustgefühl, als ein peinlicher Affekt der Erwartung, eine höhere Stufe der Furcht. Furcht und Angst wurden von den Ärzten in gleichem Sinne gebraucht. So sagt Löwenfeld*)^ der Autor, dem wir das gründlichste Buch über Angstzustände verdanken: „Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche bedeutet jedoch Furcht einen geringeren Grad, Angst einen höheren Grad des durch Angstgefühle charakterisierten emotionellen Zustandes des peinlichen Erwartungs- affektes. Er spricht auch abwechselnd von Furcht- und Angstzuständen, ohne damit ein Kriterium der Intensität abzugeben. Wollten wir jedoch dem feineren Sprachgefühle folgen, so sollten wir einen Unterschied zwischen Furcht und Angst machen. Wir sollten die Fm'cht als eine logisch begründete Unlustemptindung ansprechen, die sich in den Dienst des Selbsterhaltungstriebes gestellt hat. Die F^cht bezieht sich immer auf ein bestimmtes Objekt. Man fürchtet sich vor Einbrechern; man fürchtet einen gewalttätigen Menschen. Immer ist das Unlustgefühl auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen. Man ängstigt sich vor etwas „Unbekanntem. Die Angst ist die neurotische Schwester der Furcht. Man wacht in der Nacht mit einem un- bestimmten Gefühl der Beklemmung und Herzklopfen auf und nennt dies Unlustgefühl „Angst. Die Angst ist keineswegs eine Steigeining der Furcht. Die Steigerung der Furcht ist der Schrecken. Die Furcht ist der chronische, der Schrecken der akute Zustand. Der Schrecken steigert sich wieder zum Entsetzen, wenn er das Individuum des bewnißten Handelns beraubt. Furcht, Schrecken, Entsetzen sind sämthch Äuße- rungen eines Triebes, des Lebenstriebes. Ja, Möbius**) bezeichnet die Furcht als die wichtigste Kundgebung des Lebenstriebes. „Sinkt in krank- haften Zuständen der Lebenstrieb, so meldet sich die Sehnsucht nach dem Tode, und es ist, als ob sich fahle Dämmerung auf alles legte, was sonst hell und freundlich aussah.***) Auch die Angst ist eine Äußerung des Lebenstriebes, mit einem einzigen Unterschiede: Sie manifestiert eigentlich das Vorhandensein *) Die psychischen Zwangserscbeinungcn. Wiesbaden 1899. **) Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie. Halle a. d. S. 1906. ***) Vergleiche Dante: „Pronti sono a tra])assar lo rio, che la divina giustizia gli sprona, si che la tema si volge in disio.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21941774_0014.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


