Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud.
- Date:
- 1908
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Credit: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud. Source: Wellcome Collection.
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![Beispielen das Wesen der „Verdrängung erläutern. Dabei werden wir gewissennaßen in nuce die Grundlagen dei modernen rsychothei-a]ne kennen lernen. II. Das Wesen der Verdrängung.*) Unsere Kultur baut sich auf mühsam errungenem Boden auf. Schmutzige Gewässer mußten erst verdrängt werden, machtvolle Deiche errichtet werden. Kultur ist Verdrängung, ist gut funktionierende Hemmung, Was für die Menschheit gilt, das gilt auch für den Menschen. Die Verdrängung ennöglicht uns das Leben des Kulturmenschen, der allen ethischen und sozialen Forderungen seiner Zeit gerecht werden will. Sie ermöglicht uns auch jene innere Kultur, jenes Ausleben in höheren Bahnen, das uns von Herdenmenschen unterscheidet. Nicht innner bedeutet die Verdrängung einen Erwerb für unser Sein. Im Gegenteil. Wer nicht imstande ist, seinen Gedanken bis in die feinsten Zusannncnhänge und Ursprünge nachzugehen, wird sich nie von ihnen befreien können. Verdrängung ohne Mithilfe des Bewußt- seins ist die Ursache zahlloser Krankheiten, ist nicht Befreiung, sondern Belastung. Was verschüttet unter den Hüllen des Bewußtseins liegt, es kann, in Bewegung gebracht, das ganze Innere erbeben machen. Ver- gessen dürfen wir nur, was wir wirklich gewußt haben. Als klassischen Zeugen führe ich Grillparzer an, der in seiner Selbstl)iograi)hie folgendes sagt: „Ich habe schon gesagt, daß ich über die Zeitfolge der Ereignisse in großer Verwirrung bin. Die Ursache davon ist, daß ich bis auf den gegenwärtigen Augenblick bestrebt war, sie zu vergessen. Ich fühlte mich, vielleicht in etwas hypochondrischer Weise, so von allen Seiten bedrängt und eingeengt, daß ich kein Hilfsmittel wußte, als die irritierenden Gedankenfäden abzureißen und mich in eine neue Reihe zu versetzen. Das hat mir übrigens auch sonst unendlich geschadet. Es hat das ursprünglich Stetige meines Wesens, um mich kantisch aus- zudrücken, zum Fließenden gemacht, und selbst mein Gedächtnis, das in der Jugend gut war, wurde durch das immerwährende Abreißen und Aneinanderknüpfen untreu und schwach. Ich möchte jedem, der etwas Tüchtiges werden will, anraten, die unangenehmen Gedanken fort- zudenken, bis sie im Verstände eine Lösung finden. Nichts ist gefährlicher als Zerstreuung. Grillparzer hat damit aufs klarste das Wesen der modernen Psychotherapie festgestellt. Sagt doch Freud in seinem Vortrage über Psychotherapie (Wiener med. Presse, 19üö, Nr. 1): „Diese Therapie ist also auf die Einsicht begründet, daß das unbewußte Vor- stellen, besser die Unbewußtheit seelischer Vorgänge, die nächste Ursache der Krankheitssymptome ist. Eine solche Überzeugung vertreten wir gemeinsam mit der französischen Schule Janets, die übrigens in arger Schematisierung das hysterische Symptom auf die unbewußte idee fixe zurückführt. Das Aufdecken dieses Unbewußten geht nur unter beständigem Widerstande von Seiten des Kranken vor sicii und wegen *) Zum Teile aus meinem bei Paul Knepler (Wien) erschienenen Büchlein: „Die Ursachen der Nervosität.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21941774_0017.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


