Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud.
- Date:
- 1908
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Credit: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud. Source: Wellcome Collection.
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![einiger Organe eines Kastraten. Archiv für Anatomie, 1897, zitiert bei Moebius, Über die Wirkungen der Kastration, 1Ü03) bei einem alten Eunuchen eine auffallend kleine Schilddrüse. Pelikan (üerichtlich-mediz. Untersuchungen über Skopzen. üieUen 182G) fand im Alter ungewöhnlich großen Leib, dicke Beine, ödematöse Füße, also myxödema- tösen Typus. Zu ähnlichen Resultaten kommen auch J. Tandler und S. Groß, „Unter- suchungen an Skopzen. (Vortrag in der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien, 1908.) Wir denken uns den normalen Verlauf eines Geschlechtsaktes folgendermaßen: Durch Uberfüllung der Drüsen mit dem Sekret wird auf das zerebrale Geschlechts- zentrum ein mächtiger Reiz ausgeübt, der das Individuum zur Geschlechtsbetätigung treibt. Nach dem normalen Koitus ist das seelische und physische Geichgewicht wieder hergestellt. Die Lösung der sexuellen Spannung, der Höhepunkt der Intoxikation wird als Lust empfunden. Alle diese Verhältnisse finden sich des eingehenden erörtert in den „Abhandlungen zur Sexualtheorie von Freud (Deuticke, 1905). Er supponiert daselbst: „Durch die geeignete Reizung erogener Zonen wie unter den anderen Verhältnissen, unter denen sexuelle Miterregung entsteht, Averde ein im Organismus allgemein verbreiteter Stoff zersetzt*), dessen Zersetzungsprodukte einen spezifischen Reiz für die Repro- duktionsorgane oder das mit ihnen verbündete spinale Zentrum abgeben. Er verweist auf die große Ähnlichkeit gewisser Neurosen mit den Intoxikations- und Abstinenz- erscheinungen bei habitueller Einführung von lusterzeugenden Giften, besonders Alkaloiden. Beim „Coitus interruptus — um zu unserem Thema zurückzukehren — kämen nun folgende Momente in Betracht. Bei der Frau bleibt das Gefühl der befreienden Ent- spannung durch das Lustgefühl aus. Es muß zu einem chronischen Reizzustand des Ovariums kommen. Erfahrenen Frauenärzten ist die enorme Schädlichkeit des Coitus interruptus für die Frau schon längst aufgefallen. Valenta bezeichnet ihn als die Haupt- ursache der chronischen Metritis, Gräfe sah Oophoritis, Elischer Perimetritis, Messinga Ödem der Portio als Folgeerscheinung des Coitus interruptus, Neugehauer will sogar bei der Mehrzahl der Frauen mit Uteruskarzinom in der Anamnese Coitus interruptus konstatiert haben. Ausführliche Angaben darüber finden sich bei Kisch (Das Geschlechtsleben des Weibes, Urban & Schwarzenberg, 1904), der aus seiner reichen Erfahrung ebenfalls eine Reihe von Frauenleiden auf diese Art des Gescblechtsverkehres zurückführt. Er will auch die Frage in Diskussion stellen, ob nicht die auffällige Zunahme der Neoplasmen in dem weiblichen Genitale mit den schädlichen antikonzeptionellen Methoden zusammen- hängen mag. Was geschieht nun durch den Coitus interruptus, notabene nur durch jene Form, bei der die Frau nicht befriedigt wird? Was durch die frustranen Erregungen der Männer? Das Geschlechtsorgan wird mächtig gereizt, hyperämisch (siehe Kisch!) und die innere Sekretion der Geschlechtsdrüsen nimmt zu. Diese innere Sekretion der weiblichen Geschlechtsdrüsen ist insbesondere durch die wichtigen experimentellen Arbeiten von Halban bewiesen worden. (Die Beeinflussung der Menstruation durch die Ovarien erfolgt auf dem Wege der Blutbahn.) Das ist keine willkürliche An- nahme. Mir stehen einige diesbezügliche Beobachtungen an Männern zur Verfügung. So teilte mir Kollege Dr. F. mit, er habe im Brautstande an einer heftigen chronischen Prostatitis (nicht gonorrhoischer Natur!) wie an einer ausgesprochenen Angstnenrose gelitten. Er hat auch eine Struma. (Vielleicht ist in manchen Fällen die Struma nicht die Folge, sondern die Ursache der Intoxikation. Die Toxine der Geschlechtsdrüse finden keine Antikörjjer vor). Dr. Porosz (Über Epididymitis sympathica. Monatshefte für prakt. Derma- tologie, Bd. 33) hat eine Form von Nebenhodenentzündung beschrieben, die dem Laien schon als „Bräutigamsentzündung bekannt ist. Professor Dr. Waelsdi (t.^ber Epididymitis erotica. Münchener med. Wochenschrift, 1907, Nr. 50) beschreibt rasch auftretende Schwellungen des Nebenhodens, der sich auf das drei- bis vierfache vergrößert. Ziehende Schmerzen in den Leisten gehen voraus, auch Schmerzen im Oberschenkel werden ange- geben. Die Schwellung tritt dann auf, wenn geschlechtliche Erregungen, sei es durch ])sychische oder mechanische Reize ausgelöst wurden, aber nicht zum normalen Abschluß, zur Ejakulation geführt haben. Es erinnert an die chronische Prostatitis und Urethritis bei Masturbanten und bei Personen, welche den Coitus interruptus ausführen. Die Prostata ist in solchen Fällen vergrößert und entleert ein katarrhalisches Sekret. Diese Ent- zündungen entstehen durch Hyperämie und führen selbst zu chronischen Zuständen mit Gewebsneubildung und Verhärtung. Wadsch unterscheidet drei Grade: 1. die akute Hyperämie (Bräutigamsschmerz); 2. chronische Hyperämisierung; 3. chronische Ent- zündung. (Vergrößerungen des Nebenhodens und der Prostata.) — Diese Beobachtungen *) Nach Nerkin wäre dieser Stoff das Mucin,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21941774_0032.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


