Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud.
- Date:
- 1908
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Credit: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud. Source: Wellcome Collection.
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![reiner, nicht komplizierter Angstneurosen beginnen. Sie sind in ihren schweren Formen außerordentlich selten, denn die reinen Angstneurosen, d. h. die leichten, imponieren nicht als Krankheit. ]iei den meisten als Krankheit imponierenden Fällen gelingt es außer der sexuellen Ätiologie auch einen psychischen Konflikt oder eine komjjlizicrende Hysterie nach- zuweisen. Das habe ich schon einmal hervorgehoben. Doch lehrt die Er- fahrung des täglichen Lebens, daß mit Beseitigung der sexuellen Schädlich- keit (siehe die beiden Fälle von Kaati und den Fall Rousseau) alle Krankheitssymptome schw^mdcn oder sich zumindestens bedeutend l)essern. Würde noch ein Zweifel an dem Zusammenhange zwischen frustraner Erregung und Angstneurose bestehen, die Erfah- rungen der Praxis müßten einen in kürzester Zeit zum über- zeugtesten Anhänger dieser Theorie machen. Der Volksinstinkt hat hier längst den Zusammenhang geahnt und manche durch die Liebe zustande gekommene Heilung schwerer Leiden war nichts anderes als die Heilung einer Angstneurose nach Regelung der geschlechtlichen Ver- hältnisse. Beginnen wir also mit einigen einfachen Fällen aus meiner Erfahrung: Nr. 7. Frau 1,1., eine 30jährige Witwe, organisch vollkommen gesund, befand sich eines Abends ganz wohl und guter Dinge im Kreise ihrer Fa- milie. Ein Buch, das sie gerade mit großem Interesse las, begeisterte sie plötzlich bei einem Kapitel derart, daß sie beschloß, dasselbe ihrem Bruder vorzulesen. Kaum hatte sie mit der Lektüre begonnen, als ihr auf ein- mal ängstlich zumute wurde. Um sieh zu beschwichtigen und weil sie sich selbst beruhigen wollte, las sie mit tränendem Auge und in aufgeregter Stimmung weiter. Auf die Frage ihres Bruders, was sie denn habe, verfiel sie in einen Weinkrampf und wurde traurig und niedergeschlagen. Nun jagten die schwärzesten Gedanken durch ihr Gehirn. Sie wollte nicht zu Bette gehen, weil sie sich vor dem Einschlafen fürchtete; hatte auch das quälende Angstgefühl, sie werde nicht mehr aufstehen. Es begann ihr vor den Augen zu flimmern, heiße Schauer liefen ihr über den Körper, sie glaubte bestimmt, daß sie Fieber haben müsse. Allein das Thermometer zeigte eine vollkommen normale Temperatur. Plötzhch quälte sie die Vor- stellung, sie würde ihr liebes Töchterchen nicht mehr sehen, und sie begann sich mit der Frage abzumartern, was mit dem Kinde geschehen werde, wenn sie nicht mehr leben würde. Es war ein schrecklicher Zustand, als ob sie „wer weiß wie krank wäre. Am nächsten Tage stellte sie sich mir vor mit der Bitte, sie genau zu untersuchen, sie möchte beizeiten dazu- schauen, um nicht zu früh sterben zu müssen. Die Untersuchung ergab vollkommen normale Oi'gane; sie war auch hereditär absolut nicht belastet. (Gerade bei der Angstneurose kommen in einem verschwindenden Bruchteile der Fälle hereditäre Einflüsse in Frage.) Natürlich interessierte mich das Buch, aus dem sie vorgelesen hatte, weil ich hier eine Assoziation zu einem sie beherrscheuden verdrängten Vorstellungskomplex suchen wollte. Der Ausdruck „Komplex ist von Bleute)- geprägt worden und bewährt sich in der Sprache der Psycho- therapie f(ir die von Freud festgestellte Tatsache der Verdrängung einer bestimmten Vorstellungsgruppe als gangbare Münze. Tatsächlich war es eine Liebesszene, die sie mit Emphase vorgelesen hat und die ihr ihr eigenes liebesarmes Leben vor Augen führte. Eine mächtige sexuelle Erregung muß von dieser Szene ausgegangen sein. Natürlich auf dem Wege der Kontrast-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21941774_0036.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


