Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud.
- Date:
- 1908
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Credit: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud. Source: Wellcome Collection.
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![ewiger Angst lieruragebe. Dem Patienten leuclitete dies auch ein. Er nahm in der ersten Woche bereits um 1 kg und im Laufe von drei Monaten um Ibkg zu, worauf er dann erst ein normales, menschenwürdiges Aus- sehen erhielt. Er war vorher bei einer Höhe von 175 cm hO kg schwer gewesen, also ca. 2h kg im Untergewichte. Die Schmerzen verschwanden vollkommen. Er heii-atete bald danach und fühlt sich seither, es sind schon drei Jahre, vollkommen gesund. Mittlerweile hat er weiter zugenommen und ist heute ein starker, kräftiger Mann mit einem Gewichte von 80 kg. Die Erkenntnis dieser Tatsachen ist für den praktischen Arzt von außerordentlicher Bedeutung. Immer müssen wir hinter den sogenannten nervösen Krankheiten eine Angstneurose vermuten und nach Angstvor- stellungen fahnden. Man glaubt es nicht, wie häufig der Patient diese Dinge verschweigt, wenn man nicht selber danach fragt. Forscht man jedoch nach, so wird man immer finden, daß es sich um eine neurotische Angst handelt, welche im Grunde genommen eigentlich nur verdrängte Sexualität darstellt. Manchesmal ist auch eine gute Mischung von Hy- sterie dabei. Aber auch diese gibt nicht eine schlechte Prognose. Gelingt es, die Angstneurose als solche zu heilen, so pflegen auch die schweren hysterischen Symptome zu weichen. Eine Reihe von solchen Fällen, die man als Hypochondrie bezeichnen könnte, soll noch später bei den Phobien besprochen werden. Ich will jetzt nur betonen, daß Hypochondrie als solche eigentlich gar nicht existiert, und daß es sich eigentlich nur um einen Sammelnamen handelt, unter welchem verschiedene Krankheiten eingereiht sind. Darunter jedoch vorzüglich Angstneurose, bei welcher die Angst in eine nosophobische Vorstellung verwandelt wurde. Je jünger der Zustand ist, desto rascher kann die Heilung vonstatten gehen. Schwerer ist es schon bei der ausgebildeten Hysterie, bei der infolge psychischer Verdrängungen eine größere psychoanalytische Arbeit vou- nöten ist. Wird dem Leiden nicht rechtzeitig Einhalt geboten, so fixiert sich die Angst, es bildet sich zwischen dem Angstgefühle und dem Angstobjekte eine feste Assoziation, die zur überwertigen Idee wird und das ganze Seelenleben des Kranken beherrscht. Sie ist nicht mehr korri- gierbar und muß schon als „Wahn bezeichnet werden. Die hartnäckigste Form dieser Spezies sind die sogenannten Stuhl- hypochonder, die jeden Flatus ängstlich nachzählen, den Stuhl förmlich täglich abmessen, die teuersten Abführmittel gegen eine gar nicht existierende Verstopfung einnehmen, vor Angst zu essen aufhören usw. Die einfachen Formen entstehen auf dem Boden einer Angst- neurose. Es ist dasselbe Spiel, das ich schon früher bei den ]\Iagen- erkrankungen genau geschildert habe. Sie beginnen sich zu fürchten, sie hätten zu wenig Stuhl. Die Angst stammt natürlich aus anderen Quellen und wird nur hier verwendet. Dabei spielen gewisse symbolische Beziehungen mit, die uns noch später beschäftigen werden. Jetzt beginnt die peinliche Beobachtung der Endprodukte unseres Stoffwechsels, es beginnen die Experimente mit den verschiedenen Diätformen, den La- xantien, der Massage. Meistens wird bei solchen Formen die Diagnose einer „spastischen Obstipation gestellt. Denn ihre Verstopfung entsteht nicht durch Schwäche der Darmmuskulatur, sondern durch Erregung des Darmes. Solche Kranke sind so häufig zu beobachten, daß ich mir die illu- strierende Krankengeschichte ersparen kann.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21941774_0060.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


