Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud.
- Date:
- 1908
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Credit: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung / von Wilhlem Stekel ; mit einem Vorworte von Siegmund Freud. Source: Wellcome Collection.
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![eiuer leichten Erregbarkeit, Disposition zum Weinen, Kopf druck (Neurasthenie) und dem erwähnten Schreibkrampf, der sich durch psychische Behandhing rasch bessern ließ, fühlte er sich vollkommen wohl. Während der psychischen Behandlung des Schreibkrampfes, der sich mühelos als „Unlust zur vVrbeit enträtseln ließ, erfuhr ich die jetzt nachgetragenen Details der Kranken- geschichte. Auch gestand er, daß er noch immer ein- bis zweimal die Woche onanieren müsse. Plötzliche Anfälle von Heißhunger, insbesondere wenn sie sich mit Schwindel, Paräthesien, Kongestionen, Diarrhöen kombinieren, wecken immer die Vermutung, es handle sich um ein .Syni])tom einer Angstneurose oder um larvierte Angstanfälle. Viel klarer wird das Krankheitsbild, wenn die Anfälle von Heißhunger oder „Leere im Magen von einem Angstgefühle begleitet sind. Oft entscheidet der Erfolg der Therapie die Diagnose. Eine Kegu- lierung der sexuellen Schädlichkeiten bringt rasche Besserung. Aber nicht in allen Fällen. Bei vielen Fällen kommt noch eine psychische Komponente in Betracht. Es handelt sich um „Zwangsneurosen und „Hysterien des Alltagslebens, für die eine Befreiung und Lösung der verdrängten Gedanken die Hauptsache ist. Wir werden im nächsten Kapitel einige derartige Fälle kennen lernen. IX. Klinik der Angstneurose: Nervöses Erbrechen. Auch Singultus, Aufstoßen, Rülpsen, Brechreiz, selbst ein chroni- sches Erbrechen können Symptome einer Angstneurose oder einer Angst- hysterie sein und sich mit Angstgefühlen kombinieren, häutig jedoch alternierend mit denselben auftreten. Es ist dies ein dunkles Gebiet, wo noch sehr viel zu leisten ist. Das sogenannte „nervöse Erbrechen ist viel häufiger, als man es glauben sollte. Gewöhnlich handelt es sich um verdrängte Vorstellungen, an die sich Atfekte des Ekels knüpfen. Die Ekelgefühle werden auf einer sehr ausgefahrenen Bahn in Brechneigung und Erbrechen konvertiert. Mancher Fall von rätselhaftem Erbrechen klärt sich durch die psychoanalytische Methode in verblüffender Weise. Ekel und Begierde sind die zwei Pole, zwischen denen all unsere Lust- und Un- lustgefühle hin- und herpendeln. Ekel ist die Angst vor der Berührung, die Begierde der Wunsch nach derselben. Die Erfahrung des täglichen Lebens beweist es uns, daß der Gedanke an verschiedene, den Menschen widerwärtige Dinge nur dann das Ekelgefühl produziert, ■wenn sich mit diesem Gedanken ein Kontaktgefühl kombiniert. Wir können ruhig einen anderen eine Speise verzehren sehen, die uns ekelhaft erscheint; werden wir aufgefor- dert, an der Tafel teilzunehmen, so taucht schon der Gedanke der Berührung auf und wir empfinden das Ekelgefühl, das sich beim Versuche, es zu überwinden, eventnell bis zur schärfsten Abwehrreaktion des Organismus, bis zum Brechakt steigern kann. Das Brechen ist die mechanische Antwort, die die Angst vor der Berührung in grob.sinnlicher Weise ausdrückt. Bekanntlich teilt man mit Moll den Sexualtrieb in zwei Komponenten, in den Kontrektations- (Berührungs-) und den Detumeszenz-{Entleerungs-)trieb. Mit dem üctu- mcszenztrieb als solchem scheint der Ekel wenig zu tun zu haben. Dagegen ist er direkt dem Kontrektationstrieb entsprungen, er ist der negativ betonte Berührungstrieb. Wir wenlcn die Psychologie des Ekels am besten verstehen, wenn wir seiner Entstehung nachspüren. Das Kind als solches kennt da.s Ekelgefühl nicht. Man merkt](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21941774_0064.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


